Franziska Stünkel zeigt vielschichtige Fotografien

Hinter spiegelnden Flächen

Was Reflexion ist und was nicht, offenbart bei Franziska Stünkel oft erst der genau Blick. Foto: Franziska Stünkel

Hannover - Von Jörg Worat. Facettenreich? In Bezug auf Franziska Stünkel wirkt das Wort eher wie eine Untertreibung. Das weithin beachtete Schaffen der Hannoveranerin ist jedenfalls ausgesprochen vielseitig: Aktuell steht die Postproduktion eines neuen Spielfilms an, Fotoausstellungen sind angesagt, und ein prachtvolles Buch ist auch noch erschienen.

Doch der Reihe nach. Begeben wir uns also zunächst in die Galerie Robert Drees, wo die 46-Jährige den neuesten Part ihrer Fotoserie „Coexist“ präsentiert. Hier sind durchweg Bilder aus Nordamerika zu sehen, der fünften und jüngsten Station des Projekts, das vor zehn Jahren begann und die Fotografin zunächst nach Asien, Afrika und Europa sowie in den Mittelmeerraum geführt hatte: „Ich suche immer nach Gegenden, die aus dem einen oder anderen Grund aktuell besonders aufgeladen sind.“

Was auf die USA auch in der Prä-Corona-Zeit sicherlich zutrifft, und zu behaupten, Stünkels Fotografien seien vielschichtig, ist ebenso naheliegend wie passend. Denn die Künstlerin richtet ihre Kamera auf spiegelnde Flächen und sorgt für ein Panoptikum reflektierender Ebenen, das ungemein reichhaltig werden kann – im Extremfall weiß der Betrachter tatsächlich nicht mehr, was vorne und hinten, innen oder außen ist.

Da gesellt sich etwa zur Rückenansicht eines Brautpaars rechts im Vordergrund ein Karussell-Pferd, während hinten Gebäude aufragen, die mal intakt zu sein scheinen und mal eher an Ruinen erinnern – wollte man solche Elemente als Zeichen für die künftige Ehe deuten, könnte sich diese also in diverse Richtungen entwickeln. Derart unterschwellige Botschaften sind der Fotografin durchaus bewusst: „Ich möchte, dass meine Aufnahmen eine erzählerische Ebene haben. Ein rein formaler Ansatz interessiert mich nicht.“

Die Aufnahmen können quicklebendig sein, wenn sich beispielsweise eine Gauklertruppe in einem Fenster zu spiegeln scheint – tatsächlich sind es Aufsteller in einem Theaterfoyer –, aber auch sinister wie eine grobkörnige Abendszene: „Ich möchte verschiedene Aspekte eines Gebiets darstellen“, betont Stünkel, die ihre Bilder mit einer kleinen Leica-Kamera aufnimmt, um bei ihren Gängen durch die Straßen kein Aufsehen zu erregen und spontan agieren zu können. Anschließend verzichtet sie gänzlich auf Nachbearbeitungen: Der Bildausschnitt bleibt, wie er ist, und Computerprogramme à la Photoshop kommen schon gar nicht zum Einsatz. Logisch, dass sich der Gesamtertrag bei Stünkels höchst selbstkritischem Blick rein quantitativ in Grenzen hält: „Ich mache an einem Tag vielleicht zwanzig Fotos und bin froh, wenn eines davon funktioniert.“ Die gesamte Serie mit ihren fünf Stationen umfasst bislang gerade einmal 143 Bilder.

Immer wieder kreist das Denken der Künstlerin um das Miteinander, daher der Oberbegriff „Coexist“. So heißt auch die aufwendig produzierte neue Buchpublikation, die nicht nur Fotos enthält, sondern auch Texte von Spezialisten unterschiedlichster Art: Unter anderem äußern sich eine Glücksforscherin, ein Spezialist für Künstliche Intelligenz und der Schriftsteller Bernhard Schlink zu Fragen, wie die Menschen in einer Zeit, da „das Fremde“ offenbar zunehmend als Bedrohung empfunden wird, zu sich selbst und zu einander finden können.

Manche Kunstfreunde kennen Franziska Stünkel vor allem vom Film her, und in diesem Medium hat ihre Karriere auch begonnen. Auf Kurzstreifen wie „Bonbon“ oder „Wünsch Dir was“ folgte 2006 der Spielfilm „Vineta“, in dem Stars wie Peter Lohmeyer, Ulrich Matthes und Matthias Brandt mitwirken. Auch aktuell ist wieder cineastische Arbeit angesagt: Noch in diesem Jahr soll „Nahschuss“ in die Kinos kommen, aus vertraglichen Gründen darf Stünkel, verantwortlich für Drehbuch und Regie, zurzeit allerdings nicht mehr darüber sagen, als dass es sich um die Geschichte von Dr. Werner Teske handelt, dem letzten Opfer einer Hinrichtung in der DDR, und dass Lars Eidinger, Luise Heyer und Devid Striesow mitwirken.

Film oder Foto – letztlich setzt Franziska Stöckel, die beides studiert hat, keine Prioritäten: „Mit dem Filmen hat es angefangen, und das Fotografieren hat sich später ergeben. Ich habe mich selbst nie unter Druck setzen wollen, alles sofort parallel machen zu müssen.“

Wenn die Künstlerin zu einer „Coexist“-Tour aufbricht, ist das keine Begleiterscheinung zum Urlaub, sondern ein sorgsam geplantes Projekt, das selbst finanziert werden muss. Wiewohl ein Fotoabzug dann je nach Größe zwischen 2 500 und 10 500 Euro kostet und bei Robert Drees jetzt schon einige rote Verkaufspunkte an der Wand kleben: Steckt in alledem nicht auch ein großes finanzielles Risiko? „Das gibt es in der Kunst immer“, sagt Franziska Stünkel. „Aber ich brauche nicht ständig ein neues Auto oder andere materielle Werte. Ich kann mit Menschen, die mich interessieren, über Themen arbeiten, die mich interessieren. Und das ist meine Währung.“

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