Tom Ryser inszeniert „Das Horoskop des Königs“ in Bremen in Hochgeschwindigkeit

Hinrichtung mit Sackhüpfen

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„Das Horoskop des Königs“ erzählt eine krasse Geschichte – mit Nerita Pokvytyte (l.), Luis Olivares Sandoval und Ulrike Mayer. 

Bremen - Von Ute Schalz-Laurenze. Die Geschichte der Oper „Das Horoskop des Königs – L’Etoile“ ist so krass wie absurd: Der Diktator König Ouf lässt jedes Jahr an seinem Namenstag einen Menschen hinrichten – zur Belustigung seines Volkes, neben Sackhüpfen und anderen Dingen. Eines Jahres gibt es niemanden, der für dieses Ritual infrage kommt, und da passt es gut, dass der Hausierer Lazuli den König ohrfeigt: Der Delinquent wäre somit gefunden.

Dann aber tritt der Hofastrologe Siroco mit der Nachricht auf den Plan, dass der König unmittelbar nach Lazuli sterben muss. Da er das natürlich nicht will, führt Lazuli fortan im Palast ein behütetes Leben. Nebenher gibt es noch eine Liebesgeschichte mit der Prinzessin Laoula, mit der politische Diplomatien auf die Schippe genommen werden: Laoula und Lazuli kriegen sich am Ende.

Der Komponist dieser „komischen Oper“ heißt Emmanuel Chabrier. Seine Musik ist in der sogenannten „Offenbachiade“ beheimatet, einem Genre, das Jacques Offenbach im dritten Kaiserreich schuf und das in jener Zeit die Funktion des politischen Kabaretts erfüllte. 1877, als Chabrier „L‘Etoile“ schrieb, war Napoleons Zeit schon vorbei, aber die Satire auf das Verhältnis von „oben“ und „unten“ mit der Anprangerung einer doppelten Moral bleibt zeitlos. Sie funktioniert allerdings nur, wenn ein Regisseur am Werk ist, der sich in vielen Sparten auskennt. Und da konnte das Theater Bremen für seine bei der Premiere am Samstag zu Recht bejubelte Aufführung keinen Besseren finden als Tom Ryser, dessen reich differenzierte Handschrift zwischen Tanz, Theater, Oper und Zirkus die Bremer im David-Bowie-Musical „Lazarus“ kennenlernen konnten.

Da knallen im an ein Hotel erinnernden Bühnenbild von Stefan Rieckhoff mit einem Fahrstuhl, aus dem die Protagonisten herauspurzeln, die Gags aneinander, ohne je zu überdrehen. Ryser kann es sich leisten, vieles für sich selbst sprechen zu lassen, und das sitzt: die bornierte Dummheit des Königs, dem Luis Olivares Sandoval unerwartete Facetten verleiht, wenn er zum Beispiel seine spanisch-chilenischen Reden hält. Mit aktiver Wut, manchmal gefährlichem Mut und präzisen Tanzelementen wuselt sich Ulrike Mayer als Lazuli durch den unterhaltsamen Abend, ein Höhepunkt ist sicher ihr hinreißendes Hausiererlied.

Christoph Heinrich als Siroco badet regelrecht in seiner dubios-dümmlichen Position, ein Lacher reiht sich an den anderen. Schöne Akzente gibt es auch von Nerita Pokvytyté, von Iryna Dziashko, Christian-Andreas Engelhard, Joel Scott und dem fabelhaft präsenten Schauspieler Martin Baum.

Und die Musik, in die sich der Dirigent Yoel Gamzou vor zwei Jahren in Amsterdam verliebte, worauf er das Stück für Bremen anregte? Debussy, Ravel, Poulenc und Strawinsky bewunderten Chabrier, und Gamzou widmet sich mit den Bremer Philharmonikern dem Reichtum dieser Partitur: ihrer Süffigkeit, ihrer atmosphärischen Genauigkeit und ihrer unversteckten Komik. Das Stück – sehr sinnvoll wiedergegeben mit deutschen, in hoher Geschwindigkeit abgefeuerten Dialogen und französischen Liedern – ist auch eine große Choroper, und der Chor (Alice Meregaglia) bildet seinerseits eine musikalische und szenische Geschichte.

Weiterhören:

Die nächsten Aufführungen: 6., 10., 16., 22. und 25. April, Theater am Goetheplatz, Bremen.

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