Oldenburgisches Staatstheater zeigt „Rusalka“ von Antonín Dvorák

Hilfloses Traumwesen

So nah und doch so fern: Rusalka (Lada Kyssy, l.) kann mit ihrem Prinzen (Jason Kim) nicht glücklich werden. Fotos: Stephan Walzl

Oldenburg - Von Ute Schalz-laurenze. Antonín Dvoráks Meisterwerk, das 1901 uraufgeführte „lyrische Märchen“ „Rusalka“ zählt zu den häufig gespielten Opern – nicht nur wegen seiner fabelhaft sensiblen und mitreißenden Musik, sondern vor allem auch wegen seiner vielfältigen Deutungsmöglichkeiten für die Regie. Immer wieder sind große Regisseure angezogen von der Wassernixe Rusalka, die ein Mensch werden will, weil sie sich in einen badenden Prinzen verliebt hat. Sie zahlt dafür teuer: Die Hexe Jezibaba macht sie zum Menschen, zur Frau, aber Rusalka verliert ihre Sprache.

Unendlich viele Hintergründe tun sich auf: die Emanzipation Rusalkas von der Familie, die Frage nach sinnlicher Liebe, die Rusalka nicht leisten kann: „Meine Liebe erfriert alle Gefühle“, der Gegensatz zwischen Natur und Kultur, um nur einige zu nennen. Hatte Anna-Sophie Mahler vor vier Jahren in Bremen den Fokus auf die Loslösung vom auch sexuell gewalttätigen Vater, dem „Wassermann“, gesetzt, so ist jetzt in Oldenburg eine Lesart zu sehen, die uns auf der einen Seite das hilflose Traumwesen Rusalka zeigt, auf der anderen Seite das pralle und luxuriöse Leben der Menschen am Hof des Prinzen, der am Ende sagt: „Ich will nicht zurück zu den Tänzen der Welt“.

Dafür findet der Regisseur Hinrich Horstkotte, der auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet, eindrucksvolle und auch wunderschöne Bilder: Zwischen einem tief liegenden Haus als Welt des Wassers, in dessen Dächern als Welt der Sehnsucht und dem eher vollkommen traditionell gestalteten Hof bewegt sich marionettenhaft und surreal blass-weiß Rusalka, reichlich deppert und seine Macht missbrauchend der Wassermann – die Mädels sind im Haus eingesperrt und eines Tages entschlossen: „Schwestern, lasst uns fliehen!“ Dauerverwirrt zwischen zwei Frauen der Prinz und karrieresüchtig die „fremde Fürstin“. Doch was auf den ersten Blick wie eine konventionell-pompöse Ausstattung aussieht – besonders das Schloss –, entpuppt sich schnell als psychologisch differenzierte Innenwelt: Wenn die Polonaise feiernde Hofgesellschaft den stummen Fremdkörper Rusalka nachäfft. Zum Höhepunkt wird über die Nutzung der Drehbühne die Unvereinbarkeit der Welten und eher einfach, aber klar der Schnee als Symbol für nicht vorhandene Gefühle der Rusalka.

Der Schluss des Märchens sieht vor, was die Hexe vorausgesagt hat: Schafft Rusalka es nicht, die Liebe des Prinzen zu erringen, muss sie ihn mit einem Kuss töten und fortan als todbringendes Irrlicht herumgeistern. Auch das bedarf der Interpretation: Bei Anna-Sophie Mahler tötet Rusalka nicht den Prinzen, sondern ihren Vater. Bei Horstkotte ermordet Rusalka den Prinzen, indem sie ihm die Pulsadern aufschneidet, um anschließend mit einem Sprung von den Dächern Selbstmord zu begehen. Das passt zu der Musik, die mehr Sehnsuchtsvolles und Tröstliches erzählt als der Text.

Es ist ein viel bejubelter Abend, der fast vier Stunden lang in Darstellung und Musik die Spannung halten kann: mit Lada Kyssy als Rusalka, die nach stimmlich eher scharfen, zu wenig differenzierten Anfängen zu einer betörenden Leistung findet, mit Ill-Hoon Choung als sentimentalem Wassermann, mit Ann-Beth Solvang als aufgetakelter Fürstin, tenoral glänzend Jason Kim als hilfloser Prinz und Melanie Lang als stimmstarke Hexe. Alle wunderbar zusammengehalten von dem Dirigat von Vito Cristofero. Das Orchester findet für Dvoráks Welt zwischen Strophenliedern, Leitmotiven und atmosphärisch verzaubernden Klangfarben eine stets transparente und berührende Intensität und Präsenz.

Sehen

22. Februar, 8. März, 21. April, 2., 10. und 24. Mai, 13. und 21. Juni, 6. und 16. Juli, Oldenburgisches Staatstheater

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