„Verklärte Nacht“ als Ballett in Hannover

Hier lässt sich‘s klettern

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Anastasiya Bobrykova und Ismael Gil in der Doppel-Uraufführung „Verklärte Nacht / Augen.Spiegel.Seele“.

Hannover - Von Jörg Worat. Das Niedersächsische Staatsorchester unter Mark Rohde war gut in Form. Schön, dass man wenigstens dies ziemlich klar feststellen kann – ansonsten entpuppte sich der neue Ballettabend nämlich kaum als eindeutige Angelegenheit. Im voll besetzten Opernhaus gab es gleich zwei Uraufführungen.

Eine „Verklärte Nacht“ bringt Ballettdirektor Jörg Mannes auf die Bühne und bezieht sich dabei auf die Musik von Arnold Schönberg. Zu Beginn sieht man unter dem aufziehenden Riesenmond das Traumpaar des hannoverschen Ensembles, Catherine Franco und Denis Piza. Bald kommt es zu Spannungen, die in unterschiedlichsten Besetzungen aufgegriffen und gespiegelt werden. Hier zeigen sich die Damen in ihren flammendroten Kostümen verletzlich, dort demonstrieren die anthrazitfarben gekleideten Herren ihre Kraft. Man kommt zusammen, driftet wieder auseinander, bis zum Schluss die Eingangsszene aufgegriffen wird. Thomas Ruperts Bühnenbild mit zwei seitlich aufragenden Flächen begrenzt den Spielraum der Tänzer, ermöglicht aber auch besondere Bewegungsformen: Hier lässt sich’s klettern, hangeln oder gleiten.

Nun geht es ja in Richard Dehmels Gedicht, das der Musik zugrunde liegt, um das Geständnis einer Frau gegenüber ihrem Partner, sie erwarte ein Kind von einem Anderen. Wie klar das sichtbar bleibt, sei dahingestellt, ist aber auch letztlich nicht ausschlaggebend – Tanz, der lediglich illustriert, kann schnell seine Tiefenwirkung verlieren. Indes wirkt Mannes’ Stück streckenweise eher formal interessant als berührend, der Applaus nimmt denn auch keine überschwänglichen Formen an.

Gastchoreograph Nils Christe behauptet erst gar nicht, ein Geschichtenerzähler zu sein. Sein neues Werk „Augen.Spiegel.Seele“ ist eine groß angelegte Abstraktion, wiederum für die volle Besetzung – das Ensemble hat an diesem Abend eine ganze Menge zu leisten. Zuerst sind zur meditativen Musik von Arvo Pärt nacheinander das Herren- und das Damenensemble an der Reihe, und es dauert doch etwas arg lang, bis die Sache in die Gänge kommt. Zu den „Visions fugitives“ von Sergei Prokofjew gibt es dann zwanzig tänzerische Miniaturen vom Solo an aufwärts, in einer eigenwilligen, aber kaum extremen und stets ästhetischen Bewegungssprache, der es an neoklassischen Elementen durchaus nicht mangelt. Mit Pärt und großem Nebeleinsatz geht der Abend zu Ende.

Das ist alles hochmusikalisch und oft bis ins Detail auf die Klänge abgestimmt – dass der niederländische Choreograph einst klassische Gitarre und Blockflöte studierte, bevor er sich endgültig dem Ballett widmete, hat offenbar seine Spuren hinterlassen. Auch manche Übergänge sind raffiniert gebaut, und vor allem bei den Hebefiguren gelingen Christe Bilder, von denen man noch seinen Enkeln erzählen möchte. Doch entfaltet der Tanz dieselbe Wirkung wie die sanft verfremdenden Live-Projektionen im Hintergrund mit ihren Wassertropfen-Effekten: wunderbare Einzelmomente, über denen der Gesamtzusammenhang verloren zu gehen droht. Wirklich nachvollziehbar bleibt die Dramaturgie dieser Choreographie unter dem Strich jedenfalls nicht. Einen Gutteil des Publikums hindert das nicht an enthusiastischem Jubel.

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