Die Bremer Shakespeare Company schaut in die Zukunft

Heute ein König!

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Gekränkte Nation: Charles III (Peter Lüchinger, l.) macht sich schnell unbeliebt, William und Kate (Markus Seuß, Petra-Janina Schultz) sind selbst auf den Thron scharf. 

Bremen - Von Tim Schomacker. Das Schöne an alten Stoffen und Texten ist ihre Biegsamkeit. Gerade weil das Personal antiker, elisabethanischer oder bürgerlicher Trauerspiele nichts weiß von unserer Gegenwart, bleibt es – dramaturgisch gesprochen – geschmeidig. Verbindungen zu gegenwärtigen Gefühls- und Weltlagen müssen hergestellt werden. Parabeln. Theater-Arbeit. Heutiger Stoff ist, nun ja: mehr im Heute.

Mike Bartletts mit Formatvorgaben und Versmaßen von Shakespeare & Co. kokettierender Fünfakter „King Charles III“ macht notgedrungen die Interpretationsräume eng. Denn alle sattsam bekannten Figuren, vom Prince of Wales und seinen beiden Gattinnen über die Prinzen William und Harry bis hin zur jungen – und hier sehr machtorientierten – Stil-Ikone Kate sind eben das: Sie. Beziehungsweise Bühnen-Versionen des Bekannten.

Die Queen liegt im Sarg im Foyer. Auf der Bühne muss sich Charles als in die Jahre gekommener konservativer Moralist arrangieren mit der anstehenden Regentschaft. Bartlett baut einen nicht unklugen Konflikt im Grenzgebiet von Repräsentation, realer Macht und ererbter integrativer Aufgabenstellung: Charles soll ein neues Gesetz gegenzeichnen. Und dieses Gesetz ermöglicht weitreichende Einschränkungen der Pressefreiheit. Zum Schutz der Privatsphäre. Was ihm privat in den Kram passen müsste, man denke an Diana, lehnt er ab. Verweigert die Unterschrift, vormals als formaler Akt gehandelt. Unerbittlich im Versuch, seine Rolle zu definieren. Als Warner, Mahner. Eine Entscheidung, die ihm dramatikbegünstigend vielfach vor die Füße fällt: Das Vereinigte Königreich zeigt sich gespalten. Es kommt zu Aufruhr. Auch die eher links und monarchiefeindlich angesiedelte neue Freundin Prinz Harrys muss höflich dran glauben: Noch bevor sie den jungen Windsor-Spross umkrempeln kann in die Gegenwart, stolpert sie über von der Yellow-Press ausgeweidete Nacktfotos. Charles selbst wird zum Abdanken genötigt, bevor die Krone, die komödiantisch alarmgesichert als Zentralobjekt auf einem Sockel ruht, sein Haupt auch nur gestreift hat: William und – als treibende Kraft – Kate suchen selbst den direkten Weg zum Thron. Vorgeblich, um Sicherheit und Ordnung herzustellen. Nur was ist das für eine Ordnung, die in den vergangenen Jahrzehnten unter Elisabeth II. von thatcheristischem Bergarbeiter-Bashing über New Labour bis Brexit reichlich Fragwürdiges begünstigte?

Regisseur Stefan Otteni bemüht sich, Raum zu schaffen. Um ein vielseitig einsetzbares, drehbares tribünenartiges Bühnenelement lässt er die Szene (Peter Scior) weitgehend frei. Lässt so den Figuren Luft zum Atmen. Und dem Schauspiel-Ensemble der Bremer Shakespeare Company Platz und Zeit für Ungewohntes. Etwa wenn Erik Rossbanders Premierminister Evans und Peter Lüchingers (mitunter etwas starrer) Charles an entgegenstehenden Enden auf der Drehbühne stehen und ihre Sicht des Gesetzgebungs-Patt kreiselnd verlautbaren. Wenn eine schick animierte Ahnengalerie von Heinrich VIII bis Queen Victoria die grüngeparkate Kunststudentin Jess zur selbstrettenden Flucht aus den Buckingham-Hallen zu animieren suchen. Oder wenn Michael Meyers stimmlich sehr souverän über den (leider nicht durchgehend überzeugenden) Vers-Flow hüpfender Tory-Führer Stevens sich – Thronfolgerbesuch um Thronfolgerbesuch – zu einem der wenigen würdigen Nachfolger shakespearescher Strippenzieher und Ränkespieler emporeitelt. Wenn in der Pause Demonstrationspartikel royalistischer und monarchismusgegnerischer Parteien überraschend aggressiv durchs die gemütlichen Pausengespräche fegen. Nicht zuletzt in einer Folge sehr hübsch locker angelegter Geistererscheinungen, die die ewige Diana auch in diese postelisabethanische dramatische Gegenwart hineinspülen. Svea Auerbach, Theresa Rose und Petra-Janina Schulz teilen die Vergangenheitsbelastung zumal für Harry und William rotgewandet flüstersprechend unter sich auf.

Ganz schön anzuschauen über weite Strecken. Ohne dass sich der Eindruck darüber verflüchtigen würde, dass man es angesichts der gegenwärtigen Weltlage – vergleiche die reale Parallel-Inthronisierung am anderen Atlantikende am Premierenabend – mit dem Nebenschauplatz einer boulevardesk gekränkten Nation zu tun hat. Und vor allem mit einem Stück, das sich selbst mehr zugute hält, als es dann tatsächlich einlöst.

„King Charles III“ ist am 27. und 28. Januar, sowie am 2., 3., 11. und 17. Februar in der Bremer Shakespeare Company zu sehen.

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