Felix Rothenhäusler inszeniert „The End. Eine Replikantenoper“ in Bremen

Herzerweichende Maschinentränen

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Verweis auf „Die Fledermaus“: Nach einer Stunde im Sprühregen ist auch der stärkste Vorhang dahin.

Bremen - Von Jan-Paul Koopmann. Es hat schon eine besondere Tragik, dass der im Juli verstorbene Rutger Hauer ausgerechnet mit einer Sterbeszene in Erinnerung bleibt. 1982 war das, als er in Ridley Scotts „Blade Runner“ mit in perfekt austariertem Stolz und Schwulst im Regen stand: „All diese Momente werden verloren sein in der Zeit“, heißt es da, „so wie Tränen im Regen“. Und nach einer kurzen Pause dann: „Zeit zu sterben.“ Viel mehr Kitsch geht nicht, größere Traurigkeit aber auch nicht. Selten war das Kino wahrer als in diesem Monolog, den Hauer übrigens Höchstselbst ins Skript improvisiert hat.

Dass Theaterautor Jan Eichberg und Regisseur Felix Rothenhäusler gerade diesen Moment leitmotivisch in ihre sonst streng mechanisch-chronologische Nacherzählung des Films montiert haben, war ihre erste grandiose Idee. Und in „The End. Eine Replikantenoper“ kamen noch einige mehr davon nach.

Da ist etwa dieser Aufbau (Bühne: Katharina Pia Schütz): Fünf Schauspieler, deren Rollen sich beim ersten Blick auf die Klamotten (Kostüme: Elke von Sivers) erschließen, stehen eine Stunde im Sprühregen. Dahinter trieft riesig ein geraffter Vorhang, der ein Selbstzitat auf Johann Strauß‘ „Die Fledermaus“ aus der vorletzten Spielzeit sein dürfte. Nur dass er sich hier in Matsche verwandelt. Und so wie man den Zauberer nicht nach seinen Tricks fragt, lässt man auch hier offen, wie das eigentlich ging: Dass dieser Vorhang gerade als die Welt vor die Hunde geht, damit beginnt, sich aufzulösen. Auf erste organisch wachsende Löcher folgen immer gewaltigere Brocken, die knapp hinter den längst triefnassen Schauspielern ins Wasser klatschen.

So viel zum Plot: In der Zukunft leben Roboter als Arbeitssklaven bis sie nach vier Jahren Laufzeit verschrottet werden. Ein paar wollen das nicht, werden fies gejagt und am Ende weiß keiner mehr, wer hier eigentlich Mensch ist, wer Maschine und (am wichtigsten) was das heute eigentlich noch heißen könnte. Philip K. Dicks Kurzgeschichte lauert irgendwo im Hintergrund. Am Goetheplatz geht es aber eher um die berühmte Verfilmung – und weil‘s so schön war, dann auch noch zackig durch die Fortsetzung von 2017. Und das in knapp unter einer Stunde.

Dass dennoch keine Sekunde gehetzt wird, liegt an der selbst für Rothenhäusler‘sche Verhältnisse bemerkenswerte Untätigkeit auf der Bühne. Die fünf Akteure sprechen ihre Texte kurz und knapp, nachdem sie sich immer wieder formelhaft anmoderieren: „Und der Replikantenjäger Rick Deckert sprach“, heißt es dann. Und darauf ganz schlicht zum Beispiel „Danke.“

Das alles wirkt extrem dicht, ein Gefühl für die Anspannung vermittelt Alexander Swoboda etwa, wenn er als besagter Rick Deckert einmal ganz leicht mit den Schultern zuckt, wenn er vom Rennen spricht. Es steckt sichtbar alles drin in diesen Menschen – auch wenn sie es nicht nur sehr pointiert herauslassen. Mehr ist über das Schauspiel kaum zu sagen, gerade weil sie alle so trefflich aufgehen in der Maschinerie – technisch, aber gerade auch im kontaktlosen Zusammenspiel der gleichermaßen großartigen Annemaaike Bakker, Nadine Geyersbach, Justus Ritter, Matthieu Svetchine und Alexander Swoboda.

Es wird auch gesungen: von diesen Tränen im Regen zum Beispiel, oder wenn es um die Liebe geht. Für die Inszenierung, die geballt Welt-, Menschheits- und Nerdwissen zitiert, reicht oft das Fragment: „Für Dich soll‘s rote Rosen ...“ Schluss. „I just called to say I“ aus – oder im berühmten Melodieschwung „Yesterday!“ und vorbei.

Ja, witzig ist sie auch, die „Replikantenoper“ – weil sie den eigenen Kitsch selbst ein bisschen bescheuert findet, ohne ihn gleich denunziatorisch zerlegen zu müssen. Das ist schließlich eine Lebenserfahrung, die jede und jeder irgendwann machen: dass die traurigsten Momente eben oft auch die albernsten sind. Und so paaren sich hier Rahmentexte von biblischer Wucht mit süß-verblödeter wörtlicher Rede. Wunderschön ist das. Ein bisschen schade ist höchstens der Premierentermin im Herbst, der zwar atmosphärisch wie die Roboterfaust aufs Mechanikerauge passt – nur eben auch eine Chance auf‘s sonderbarste Weihnachtsmärchen aller Zeiten verpasst. Aber irgendwas ist ja immer.

Weitere Termine

Am 10. Oktober um 20 Uhr, am 13. Oktober um 18.30 Uhr, sowie am 25. Oktober um 20 Uhr, Theater Bremen.

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