„Unter Bäumen“: Eine Berliner Ausstellung beleuchtet das innige Verhältnis der Deutschen zum Wald

Ans Herz gewachsen

+
Erleuchtung im Gehölz: Robert Zünds „Eichwald“, Öl/Leinwand, 1859. ·

Berlin - Von Veit-Mario ThiedeDer Wald ist den meisten Deutschen ans Herz gewachsen. Zwei Drittel der Bevölkerung, also etwa 55 Millionen Menschen, besuchen ihn mindestens einmal pro Jahr, die Hälfte sogar alle 14 Tage oder öfter.

Anlässlich des von den Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Jahres der Wälder veranstaltet das Deutsche Historische Museum Berlin die Ausstellung „Unter Bäumen“. Sie beleuchtet das innige Verhältnis der Bundesbürger zum deutschen Wald.

Über 400 Ausstellungsstücke sind aufgeboten. Sie veranschaulichen den lebenslangen Holzbedarf vom Schaukelpferd bis zum Sarg und behandeln in Themenräumen verschiedene Aspekte des Umgangs mit dem Wald. Er ist Freizeitrevier für Familienausflügler, Radler und Wanderer auf Baumwipfelpfaden. Und ebenso ist der mit sieben Milliarden Bäumen ein Drittel des Bundesgebietes bedeckende Wald ein von Staat und Privatbesitzern genutzter Wirtschaftsraum. Hinsichtlich der Arbeitsplätze stellt er die 700 000 Menschen beschäftigende Automobilindustrie in den Schatten. In den 130 000 Unternehmen von Forst und Holz arbeiten 1,2 Millionen Menschen, die einen Jahresumsatz von 172 Milliarden Euro erwirtschaften.

Die Schau stellt berühmte Weidmänner wie Kaiser Wilhelm II. und berüchtigte wie den nationalsozialistischen Reichsmarschall und Reichsjägermeister Hermann Göring vor. Sie dokumentiert Verbrechen wie den Todesmarsch der Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen durch den Belower Wald. Sie erinnert an die in den 1980er Jahren von den deutschen Medien dramatisierte „Modekrankheit“ Waldsterben, die im Ausland mit ungläubigem Staunen quittiert wurde. Vor allem aber untersucht sie den Wald als kulturelles Phänomen. Denn unsere Vorstellungen vom deutschen Wald haben seit der Romantik, mit der die Schau zeitlich einsetzt, Dichter und Märchensammler, Komponisten, Maler und Filmregisseure geprägt. Das Spektrum reicht von feierlichen Ölgemälden bis zu den mit bunten Szenen bedruckten Papiertheatern des späten 19. Jahrhunderts, die dem von den Brüdern Grimm populär gemachten Märchenpärchen Hänsel und Gretel oder Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ gewidmet sind. Kunstdrucke mit röhrendem Hirsch, der übrigens keine deutsche, sondern eine französische Bilderfindung ist, Ausschnitte aus emotionsgeladenen Heimatfilmen und rührselige Romane wie Ludwig Ganghofers „Das Schweigen im Walde“ (1899) gehören selbstverständlich auch zum Ausstellungsprogramm.

Zu den Glanzlichtern der ausgestellten Waldeslust gehört das vom Romantiker Caspar David Friedrich geschaffene Gemälde „Kreuz im Gebirge“ (um 1823). Andreas Bernhard urteilt im Katalog: Friedrich kann „gewissermaßen als Erfinder des mythischen deutschen Waldes“ gelten. Im gezeigten Werk wächst in unwegsamem Gelände vor goldgelbem Sonnenhimmel ein Kruzifix auf, das den Wald gleichsam zum geheiligten Andachtsraum verklärt. Ein Anhänger der Kunst Friedrichs war der Maler und Freiheitskämpfer Georg Friedrich Kersting. Er wartet mit zwei Gemälden auf, die als Ikonen der patriotisch-politischen Malerei des deutschen Waldes gelten. Kersting nahm als Freiwilliger im Lützowschen Freikorps am Kampf gegen Napoleon teil. Das eine Gemälde gedenkt dreier gefallener Kameraden: „Theodor Körner, Friedrich Friesen und Heinrich Hartmann auf Vorposten“ (1815) im Eichenwald. Das Gegenstück heißt „Die Kranzwinderin“ (1815). Eine weiß gekleidete Jungfrau sitzt vor drei Eichen, in deren Stämme die Namen „Körner“, „Friesen“ und „Hartmann“ geschnitten sind, um den toten Helden aus Eichenlaub Ehrenkränze zu flechten.

Ausstellungskuratorin Ursula Breymayer berichtet: „Besetzung durch Napoleons Truppen und Befreiungskriege (1813-1815) bestärkten die deutsche Sehnsucht nach politischer Einheit und in dem Zusammenhang den Wandel des Waldes zum nationalen Symbol.“ In ihm spielt die Eiche als Baum der Deutschen eine prominente Rolle. Das geht zurück auf Friedrich Gottlieb Klopstock, der in seinem Werk „Hermanns Schlacht“ (1769) schrieb: „Du gleichst der dicksten, schattichsten Eiche (...) O Vaterland!“ Er war überzeugt, „dass die Eiche den deutschen Charakter vorzüglich gut abbildet.“ Mit Klopstocks „Hermannsschlacht“, die sich auf die Niederlage der römischen Legionen unter Varus 9 nach Christus gegen Arminius und seine Germanenhorden bezieht, stehen wie am Beginn des Nationalbewusstseins der Deutschen. Die im Teutoburger Wald lokalisierte Schlacht gilt als zentraler Gründungsmythos Deutschlands, dem auch Heinrich von Kleist (1777-1811) und Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) publikumswirksame Schriften gewidmet haben.

Bis 4. März 2012 im Deutschen Historischen Museum, Berlin. Täglich 10-18 Uhr. 24. und 25.12. geschlossen. Eintritt: 6 Euro. Der Katalog kostet im Museum 25 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Gladbach besiegt die Bayern - auch Leipzig und BVB gewinnen

Gladbach besiegt die Bayern - auch Leipzig und BVB gewinnen

Moisander nimmt die letzte Hürde - Fotostrecke vom Werder-Abschlusstraining vor SCP

Moisander nimmt die letzte Hürde - Fotostrecke vom Werder-Abschlusstraining vor SCP

Heimsieg für Hannover 96 - VfL Osnabrück rückt vor

Heimsieg für Hannover 96 - VfL Osnabrück rückt vor

Empfang für die Feuerwehren in der Gemeinde Weyhe

Empfang für die Feuerwehren in der Gemeinde Weyhe

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Deutliche Worte

Deutliche Worte

Einmal Virtualität und zurück

Einmal Virtualität und zurück

Viel mehr als nur Realität

Viel mehr als nur Realität

Kommentare