Opernexperiment an Bremer HfK

Herr Schwarz, dringend gesucht

Bremen - Von Ute Schalz-LaurenzeDas Design-Studium hatte bislang keinen besonders guten Ruf. Werbung zu lernen, sei keine künstlerische Aufgabe, hieß und heißt es immer wieder.

Die Hochschulen haben auf die veränderten Anforderungen an den Beruf des Designers reagiert. Seit 2000 gibt es beispielsweise in Bremen den Studiengang „Integriertes Design“. Das bedeutet in knappester Form die interdisziplinäre Kooperation mit den künstlerischen Studiengängen wie Musik, Malerei und Bildhauerei die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung.

Wie sehr ein derartig verändertes Verständnis des Begriffs „Design“ zu einer kraftvollen eigenen künstlerischen Arbeit führen kann, war am Mittwochabend in der Hochschule für Künste (HfK) in der Diplomarbeit von Annika Tritschler zu erleben. Tritschler, die vor dem Anfang ihres Studiums ein Bühnenbildstudium erwogen hatte, tummelt sich allerdings schon seit Jahren in den künstlerischen Abteilungen: so hat sie an den Masken und dem Raumkonzept für die Aufführung von Mozarts „La Betulia liberata“ im Bremer St.Petri-Dom mitgewirkt, sie hat das Bühnenbild für Monteverdis „Orfeo“ gestaltet, sie hat in Zürich einen Raum für die Präsentation Fluxus-Objekten gestaltet und sie hat die Präsentation der Kostümabteilung choreographiert: „Es geht mir immer um Räume“.

Jetzt hat sie für ihre Diplomprüfung sogar eine Oper präsentiert, die sie allerdings zunächst einmal „Experiment zur Oper“ nennt. Man fragt sich während der spannenden Aufführung von „Herr Schwarz – Ordne und finde“: Was macht sie eigentlich? Ist sie Autorin, Librettistin? Ja, ganz sicher. Ist sie Bühnenbildnerin? Ja, auch sicher. Ist sie Kostümbildnerin? Ja. Ist sie Regisseurin? Ja, auch. Ist sie Komponistin? Nein. Aber in Bezug auf die Musik ist ihre Leistung die Idee und der Kontakt, den sie herstellen konnte: Alexander Müller aus der Kompositionsklasse hat ihre Vorlage für vier Celli und Tenor ausdruckstark komponiert, Sebastian Peter elektronische Musik beigesteuert und der fabelhafte Tenor Jan Hübner, eher bekannt aus der Alten Musik, sang die einzige Rolle.

Um was geht es? Tritschler hat in einem Kramladen für drei Euro einen alten Aktenordner gefunden, der es in sich hat: Es handelt sich um Texte eines Mannes, der nach einer Denunziation im Konzentrationslager Neuengamme zum Tode verurteilt war, aber mit ungezeichneten Klamotten fliehen konnte. Die Dokumente – alles: Briefe, Behördenbescheide, Anträge, Beschwerden – sind von 1937 bis 1947. In den Dokumenten vor 1945 ist immer „Heil Hitler!“ ausgestrichen.

Herr Schwarz war kein aktiver Widerständler, aber er hatte ein Grundgefühl für seine Rechte: So schrieb er 1946 mit schwarzem Humor eine Todesanzeige für Brot, so verweigerte er weiteres Laufen in seinem Beruf – Straßenbahnschaffner –, weil ihm kein neuer Schuh genehmigt wurde. Fetzen aus dieser angenommenen Biografie laufen vielfältig vor den Zuschauern ab: Papiere, Stoffe, Metalle, zwei Bretter von oben und von unten, hilf- und haltlos läuft Jan Hübner als Herr Schwarz darin herum und singt die rezitativisch-atmosphärische Musik von Müller bewegend. Ergreifend auch der Brief, mit dem mit er mit „Erna“ Schluss macht. Oder seine vielen „Nein!“ zu den Fragen auf dem Entnazifierungspapier.

Charakteristisch und wunderbar war auch die respektvolle Haltung von Tritschler gegenüber Herrn Schwarz: Nie behauptet sie, dass das Herr Schwarz gewesen sei, sondern lässt uns teilhaben an dem Versuch: Wer könnte das gewesen sein? Das war alles sehr professionell gemacht, und in keinem Moment haftete dieser Arbeit, die wegen des Besucherandranges zweimal gespielt werden musste, die Aura der Studentenarbeit an. Ein schöneres Beispiel für die Idee dieses Studienganges ist schwer vorstellbar.

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