Herman Melvilles „Bartleby“ als große Demaskierungskomödie am Oldenburgischen Staatstheater

Problembären tanzen nicht zu Bolero

+
„Er“ möchte lieber nicht, und sie haben ein Problem: Nippers (Thomas Birklein, l.) und Turkey (Thomas Lichtenstein, r.) beraten ihren Chef (Johannes Lange) im Umgang mit Sorgenfall Bartleby.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Zum Glück darf in unserem Land ja ein jeder so leben, wie er will. So ungeheuer und unverdient ist dieses Glück, dass man gar nicht mehr hinterher kommt damit, sich seiner würdig zu erweisen.

Und so verbiegen wir uns bis zur Selbstverleugnung, stehen unserem Chef selbstredend auch für abseitige Arbeitsaufträge zur Verfügung und sorgen dafür, dass der Nachbar nicht komisch von uns denkt.

Was geschieht, wenn wir von unserer angeblichen Freiheit doch einmal Gebrauch machen und uns um die Meinung von Chef und Nachbar nicht scheren, hat der amerikanische Dichter Herman Melville am Beispiel des Kanzleimitarbeiters Bartleby beschrieben. Am Oldenburgischen Staatstheater ist die Erzählung jetzt in einer Bühnenfassung zu erleben.

Regisseurin Johanna Lücke hat für ihre Inszenierung im kleinen „Spielraum“ die gesamte deutsche Büroarbeit auf einen Prototypen eingedampft. Denn eigentlich ist es ja so: Ein jeder fummelt vor sich hin, schreibt irgendwelche Zahlen oder Zeichen, bis in der großen Mittagskonferenz das Einzelne probehalber zum großen Ganzen zusammengefügt wird. Wozu das alles dann gut ist, weiß zwar niemand so genau – offenbar aber gibt es dafür einen Markt.

So brüten sie auch am Bürotisch auf der Oldenburger Bühne mit Fleiß über ihren außerordentlich wichtigen Angelegenheiten: setzen Mosaiksteinchen zusammen (Johannes Lange als Anwalt), ziehen Linien unter Zahlenreihen (Thomas Birklein als Schreiber Nippers) oder malen mit Wasserfarben hübsche Bildchen (Thomas Lichtenstein als dessen Kollege Turkey). Und alle paar Minuten wird Bilanz gezogen. Dann klopft Nippers mit seinem Kugelschreiber energisch einen Rhythmus auf den Tisch, Turkey singt gewissenhaft den „Bolero“, der Chef liefert dazu den Bass. Passt alles, geht‘s weiter im Betrieb. Liegt einer knapp daneben, wird irgendwas mal schnell korrigiert – ein Mosaiksteinchen hier, ein Pinselstrich dort. Es ist eine triste Tätigkeit, doch sie muss getan werden. „Was man tun muss, gerne tun: Das ist meine Rede!“, sagt Turkey, und tunkt seinen Pinsel in den Wasserbecher.

Seine Arbeit „gerne tun“, das will auch der neue Mitarbeiter Bartleby. Es ist nicht viel, was wir über ihn erfahren. Dass er seine Arbeit sehr ordentlich macht zum Beispiel. Dass er schweigsam ist. Und dass er sich bevorzugt von Ingwerkeksen ernährt. Wir wissen das aus den Beobachtungen des fleißigen Bürotrios, von ihren skeptischen Kommentaren und belustigten Blicken: Bartleby selbst tritt nicht in Erscheinung, das ist aber auch gar nicht notwendig.

Denn es ist ja gar nicht sein Verhalten, das den so geordneten Ablauf aus Malen, Steinchenlegen und Liedchensingen durcheinander bringt. Es ist vielmehr sein Nichtverhalten. Er „möchte lieber nicht“ mal eben den Brief zur Post bringen. Er „möchte lieber nicht“ seinem Kollegen bei einer Kleinigkeit helfen. Und wird er gebeten, doch wenigstens nach Feierabend nach Hause zu gehen, lautet die Antwort: „Ich möchte lieber nicht.“ Das ist natürlich alles ganz und gar unüblich und damit einfach unerhört. Wenn jeder seine Arbeit so erledigt, wie es ihm selbst sinnvoll und angemessen erscheint, wo kämen wir da hin?

Sie diskutieren darüber, ob die Kekse schuld sein könnten an diesen Seltsamkeiten: den ganzen Tag Ingwer, wer weiß, was das mit einem macht! Sie tragen den Tisch ein Stückchen nach links, damit sie ihn besser beobachten können. Sie tragen ihn wieder ein Stückchen nach rechts, weil sie ihn von dort noch besser beobachten können. Nur eines tun sie nicht mehr: malen, fummeln, Linien ziehen. Oder auch „Bolero“ singen. Die Energie, die doch so schön aufgehoben war in den nutzlosen Tätigkeiten des Büroalltags: Sie versandet in Getuschel und Geläster, in Spähaktionen und Intrigenplänen.

Am Beispiel des bockigen Mitarbeiters Bartleby entfächert Regisseurin Lücke alle Spielarten der Eitelkeiten in unserem neuzeitlichen Arbeitsethos. Der störrische Kollege dient zur Bestätigung des eigenen Pflichtbewusstseins, wie es in Bürophrasen („Von nichts kommt nichts, sage ich immer!“) zum Vorschein kommt. Er dient zur Rechtfertigung für Voyeurismus und Tratschgeschichten („Er ist also wirklich Veganer?“ – „Ja, so fängt es immer an!“). Er dient aber auch einem betont nachsichtigen Chef als Anlass zur Demonstration seiner Sozialkompetenz („Hier bietet sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, mich so zu verhalten, dass ich mit mir selbst zufrieden sein kann!“).

Das geht so lange gut, wie man davon ausgehen kann, der Problembär werde schon irgendwann einlenken. Doch den Gefallen tut der nicht. „Ich möchte Ihnen nichts auftragen, was Sie nicht möchten“, wanzt sich der Chef vertraulich an ihn heran: „Ich möchte mit Ihnen nur sprechen.“ Sprechen? „Möchte lieber nicht!“

Theater lohnt sich nur, wenn es dem Publikum den Spiegel vorhält. Dieses Publikum aber kann sich natürlich niemals in Bartleby erkennen. Es ist vielmehr dazu verurteilt, seine eigenen Instinkte, Empörungsmuster und Abwehrreaktionen in den panischen Gesichtern der hilflosen Kollegen zu entdecken. Lückes Ansatz, die Hauptfigur gar nicht erst auftreten zu lassen, ist deshalb vollkommen konsequent, allerdings auch riskant. Denn ohne ein Bühnenpersonal, das diese Erscheinungsformen der Hilflosigkeit gänzlich durchdringt, wird aus dem überzeugenden Konzept ein lahmer Abend.

In Oldenburg jedoch legen Thomas Lichtenstein und Thomas Birklein mit traumwandlerischer Pointensicherheit jedes Detail der Verstörung frei, während Johannes Lange hinter der vordergründigen Souveränität seines schneidigen Anwalts wunderbar scharfsichtig dessen verborgene Ängste aufspürt. Das Phantom Bartleby wird so zum Motor einer großen Demaskierungskomödie, die bei den Verzweifelten schon bald in Tötungsfantasien mündet und den Übeltäter schließlich in den Knast befördert.

Dort sitzt er nun bei Wasser und Brot. Was kulinarisch nicht weiter von Bedeutung ist. Wasser? Brot? „Möchte lieber nicht!“

Kommende Vorstellungen: am 28. Juni um 18.30 Uhr, am 29. Juni sowie am 3. und 7. Juli jeweils um 20 Uhr im Oldenburgischen Staatstheater.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Dortmund festigt Rang drei - Bayern dreht Spiel gegen Werder

Dortmund festigt Rang drei - Bayern dreht Spiel gegen Werder

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Fünf Verletzte bei Messerstecherei im Zug - Polizei stoppt Eurobahn im Bahnhof

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Ein Toter und 15 Verletzte nach Explosion in Wohnblock

Selbstversuch: Reporterin fällt ihre erste Buche

Selbstversuch: Reporterin fällt ihre erste Buche

Meistgelesene Artikel

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Mehr Metal für Bremen: Hellseatic-Festival kommt 2020 an die Weser

Prima Madonna

Prima Madonna

Entwickelter Alltag

Entwickelter Alltag

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Ulrich Mokrusch wird Intendant in Osnabrück

Kommentare