„Herakles Konzept“: Lutz Dammbeck ruft in der Weserburg zur Rebellion auf

Widerstand lohnt sich nicht

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Raus aus der engen Form und doch nicht frei: Lutz Dammbeck, „Herakles Konzept“ (Mediencollage Herakles), 1984-1985.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Eng ist‘s in der spitzen Pyramide, nur wenig Platz bleibt der jungen Frau, die sich langsam aufrichtet. Mit gefletschten Zähnen kämpft sie gegen die Wände ihres Gefängnisses – bis ihr schließlich die Flucht gelingt. Also eine Geschichte mit Happy End? Nicht ganz, aus dem Gefängnis ist sie zwar entkommen, die Zwänge der Gesellschaft wird sie aber trotzdem nicht los.

Ein deprimierendes Bild also, das Lutz Dammbeck da in seiner Mediencollage „Herakles Konzept“ zeichnet. Ausgehend von drei literarischen Texten und nicht zuletzt seinen eigenen Erfahrung in der DDR, wo viele seiner Filme verboten wurden, lotet der in Dresden geborene Künstler in der Weserburg Bremen aus, wie Widerstand aussehen kann – und wo seine Grenzen sind. Denn eines ist klar: Man kann sich noch so sehr vormachen, für die gute Sache einzutreten und besser als alle anderen zu sein, am Ende bleibt man doch Produkt seines Systems.

So auch die Tänzerin Fine Kwiatkowski, die nach gelungener Flucht zur Maske greift und Teil der gesichtslosen Masse des Staates wird, dem sie eben noch den Rücken zukehren wollte. So viel zu Veränderung, die durch Widerstand entsteht. Doch nicht nur, dass die Kritik im Sand verläuft, Dammbeck hat noch schlechtere Nachrichten: Statt an die langsame Unterhöhlung des Systems von innen heraus glaubt er an die Lernfähigkeit des Regimes. Vom Kritiker zum Entwicklungshelfer ist es nur ein kleiner Schritt.

Eine These, die Dammbeck vor allem aus dem Text „Herakles 2 oder die Hydra“ von Heiner Müller entwickelt hat. Dort kämpft sich der mystische Held – halb Mensch, halb Gottheit – auf der Suche nach Hydra durch das undurchdringbare Dickicht eines tiefen Waldes. Allerdings muss Herakles schon bald erkennen, dass er selbst Teil der Hydra ist. In ihr herangewachsen, kommt es beim Ausbruch aus der geborgenen Welt zu einem Konflikt mit ihr. Doch statt diesen auszuleben, beginnt er sich im vorauseilenden Gehorsamen anzupassen und jeglichen Gedanken an Freiheit abzulegen. Wie Müller selbst, sieht auch Lutz Dammbeck in diesem Werk eindeutige Parallelen zum System der DDR. Ein totalitäres Regime, das sich aus der Kindheit der Elterngeneration speist, von einem Unrechtstaat zum nächsten.

Der Nationalsozialismus, bedeutungsschwer hängt er immer wieder über den Arbeiten. Auf seiner Suche nach dem Ursprung der DRR kommt Dammbeck auch nicht an diesem Teil der Geschichte vorbei. So sind in der Ausstellung zahlreiche Collagen zu sehen, die dem eigentlichen „Herakles Konzept“ vorhergingen. Dammbeck sammelte ab 1977 Passbilder und Zeitungsausschnitte und setze sie zu neuen Bildern zusammen.

Auf großflächigen Leinwänden sind nun Puppenköpfe mit dem giftig aufgerissenen Maul eines Hundes vernäht, während nebenan antike Skulpturen und Wehrmachtssoldaten miteinander verschmelzen. Gut und Böse stehen hier einträchtig nebeneinander, die friedliche Kindheitserinnerung des Puppenkopfs wird von der Erinnerung an den Nationalsozialismus aufgebrochen, denn das Hundemaul entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als Teil einer Wachmannschaft hinter Stacheldraht – bereit zum Angriff auf die Häftlinge.

Und auch das freundliche Lächeln des Wehrmachtssoldaten kann nicht über den Schrecken der Geschichte hinwegtäuschen, der nicht nur im Hintergrund des kollektiven Gedächtnisses lauert, sondern auch direkt neben ihm im Bild. So ist dort eine Skulptur von Arno Breker zu sehen, der als Nazi-Bildhauer bis heute geächtet ist.

Die Ausstellung, die zu einem Teil auf dem Lutz-Dammbeck-Fonds basiert, zeigt aber nicht nur die zehnjährige Entstehungsgeschichte des „Herakles Konzeptes“, sie widmet sich zudem anderen Arbeiten des Hamburgers, die zum Teil nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik im Jahr 1986 entstanden sind. Vornehmlich sind es dokumentarische Filme, für die der Künstler Recherche und Collage als künstlerische Mittel genutzt hat. Auch wenn diese Arbeiten lange nach seinem Leben in der DDR entstanden sind, beschäftigen sie sich ebenfalls mit dem Spielraum von Macht und wie er manchmal in den Bereich der Kunst eingreift – wie bei Arno Breker, Albert Speers Lieblingsbildhauer.

Ein flammendes und überzeugendes Plädoyer für den Mut zum Widerstand ist es also, was sich da in den Räumen der Weserburg präsentiert. Allerdings eines, das sich dem Bild von der heilen Welt der Regimegegner verweigert und mit seinem desillusionierten Blick eigentlich nur einen Schluss zulässt: Rebellion lohnt sich nicht.

Lutz Dammbeck, „Herakles Konzept“, ab morgen bis 28. Juni, Weserburg, Museum für Moderne Kunst. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 20 Uhr, Montag geschlossen.

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