Henning Strassburger rettet im Oldenburger Kunstverein die Aura des Originals

Kopien sind nur Kopien

+
Noch ein Yuppie: Video-Standbild aus Henning Strassburgers Ausstellung „Think Tank“.

Oldenburg - Von Johannes Bruggaier. Kürzlich, als Henning Strassburger eines seiner Gemälde im Internet auf einem Verkaufsportal fand, begann er zu rechnen. Bis das Werk einen Käufer finden würde, dürften es zigtausend Kunstinteressierte in seiner digitalen Abbildung zu sehen bekommen. Nach dem Verkauf sind es allenfalls noch fünfzig, vielleicht hundert. Das gibt zu denken: Ist die Kopie womöglich wichtiger als das Original?

Für den Oldenburger Kunstverein hat er sich die Muße genommen, über diese Frage einmal ganz ausführlich nachzudenken. Herausgekommen ist dabei ein „Think Tank“, was eher nach Workshop und Debattenforum klingt als nach einer Ausstellung. Tatsächlich ist es eine Mischung aus beidem.

Kernstück der Schau jedenfalls ist kein Bild, sondern ein Buch. Es liegt auf einem Tisch mitten im Raum, so ehrwürdig, als gäbe es auf der ganzen Welt kein zweites seiner Art. Die Wahrheit ist: Es gibt kein zweites seiner Art. 150 Seiten hat Strassburger gefüllt, mit einer Novelle über einen USA-Reisenden, es geht darin um den amerikanischen Way of Life, um Fitnesskultur und Konsumgewohnheiten. Eigentlich aber geht es darum, dass diese Geschichte buchstäblich einzigartig ist: ein Original, ausgerechnet in der Literatur, also jener Kulturtechnik, die doch als allererste das Vervielfältigen zu ihrem Prinzip erhoben hat. Und was steht darin zu lesen?

Zum Teil ganz nette Szenen aus dem Klischeealltag Amerikas. Sinnierstunden mit kühlem Bier im Swimming-Pool eines Wohlstandsbürgers. Der gibt seinem jungen Gast aus Europa kluge Ratschläge. „Think global, act local“, sagt er zum Beispiel. „Ich sagte zurück: ‚Think global, act global.‘ Er sagte: ‚Yeah.‘ Ich sagte auch: ‚Yeah.‘“ Das sind so die Phrasen unserer Zeit, Versatzstücke für geschäftliche Small Talks, nichtssagende Slogans für Produktkampagnen. In Oldenburg hängen sie auf riesigen Fahnen an der Wand, als Sinnsprüche unter stilisierten Hinterköpfen: „Think globally“, „Think locally“ oder auch „Think radically“.

Globales Denken, wie soll das gehen, in einer Welt, die längst zum Dorf geschrumpft wird? Und wie lokales Denken in einer Wirklichkeit, die selbst im hintersten Winkel der Provinz per Internet mit der ganzen Welt verknüpft ist? Und was ist schon radikal, wenn Radikalität vielerorts zum Alltagsphänomen schrumpft?

Ein Yuppie mit Brille und Zigarette ringt nach einer Antwort auf diese Frage. Wir sehen ihn in einem Video auf einem Ledersofa lümmeln, eine Sammlung Bierflaschen auf dem Wohnzimmertisch zeugt von einem genussreichen Abend. Tja, äh…, stammelt der Yuppie und lacht verlegen: Also das mit der Radikalität – äh, schwierig! Er hat, so ist zu erfahren, als Fotomodell gearbeitet und ist jetzt selbst als Fotograf unterwegs, in der festen Überzeugung, mit seinen Werken etwas Originäres, Unverwechselbares zu erschaffen.

Doch wenn er so über seine Zeit auf der anderen Seite der Linse nachdenkt, muss er zugeben: Die Sache ist verzwickt. Denn nicht er selbst stand da vor der Kamera, ja nicht einmal eine fiktive Gestalt – sondern gleich mehrere davon. Sein Gesicht diente nur als Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Fantasien seines Publikums. Ist sein Selbstverständnis auch noch so radikal, die andere Seite wird es sich nach ihrem eigenen Sinn umdeuten.

Es gibt auch klassische Malerei zu sehen in dieser Ausstellung. Werke, die mit Industriefarben auf die genormte Ästhetik des Maschinenzeitalters anspielen. Die zugleich aber durch dicken Farbauftrag und unterschiedliche Materialität (Öl, Lack und Kohle) gegenüber der maschinellen Produktion ihre Autonomie behaupten: Kein Digitalfoto kann hier das Live-Erlebnis ersetzen, keine Software die Reflexionen des Lichteinfalls simulieren. Das Original ist tot, es lebe die digitale Kopie? Von wegen!

Natürlich spielt das alles in vielfältiger Weise auf einen Diskurs an, der bis zurück in die Ursprünge der Fotografie reicht. Walter Benjamins Aufsatz über das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit steht deutlich erkennbar Pate, natürlich auch die Multiples und Künstlerbücher der Fluxusbewegung.

Und doch wirkt diese Auseinandersetzung nicht gestrig. Es haftet ihr eine erfrischende Aktualität an, eine Direktheit in der Wahl der Mittel und eine Unbekümmertheit im Umgang mit denselben. Ein Unbehagen an der Kultur wird mit Händen greifbar, ohne dass es sich in eine einfache Formel fassen ließe. Ob Kopien irgendwann die Vorherrschaft gewinnen werden über den Wert des Originals, steht in den Sternen. Henning Strassburgers „Think Tank“ mit seinem literarischen Unikat aber wird sich niemals dem Diktat einer technischen Reproduktion beugen können: Wenigstens das ist und bleibt ein Original.

Eröffnung: Freitag um 19.30 Uhr. Bis 12. April im Oldenburger Kunstverein, Damm 2a, Oldenburg. Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 14-18 Uhr, Sa. und So. 11-18 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Impeachment-Ermittlungen in heißer Phase

Impeachment-Ermittlungen in heißer Phase

Hongkong: US-Kongress stellt sich hinter Demokratiebewegung

Hongkong: US-Kongress stellt sich hinter Demokratiebewegung

Unterwegs im Unesco-Welterbe Augsburg

Unterwegs im Unesco-Welterbe Augsburg

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Razzia gegen "Hawala-Banking"

Meistgelesene Artikel

Reiche Küste

Reiche Küste

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

„Blechtrommel“ in Bremerhaven: Grass-Klassiker als gut geöltes Bildertheater

Keine Sonne, keine Pinguine

Keine Sonne, keine Pinguine

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Bremer Philharmoniker: Inspirierender Beitrag zur Geschichte der Sinfonie

Kommentare