Emden, Oldenburg, Dangast und Wilhelmshaven präsentieren Franz Radziwill

Heldentum oder Horror?

Franz Radziwill: Vorstadthäuser in Düsseldorf. 1933

Von Rainer BeßlingOLDENBURG · Franz Radziwills „Rasenstück“ verweist auf ein berühmtes Vor-Bild: Albrecht Dürer befreite mit seinem „Großen Rasenstück“ im Jahr 1503 die profane Natur von der bloßen Kulissenfunktion und beförderte sie zum eigenen Bildmotiv.

Als Radziwill seinen Wiesenausschnitt 1924 malte, befand er sich selbst im Umbruch. Die expressionistischen Züge des Frühwerks traten in der Auseinandersetzung mit den Alten Meistern zurück. Auf Dürer als neue Bezugsgröße sollten bald Dresden und Otto Dix folgen. Eine neu-sachliche Bildsprache, ein analytischer Blick rückten an die Stelle farbkräftigen Ausdrucks.

Radziwills „Rasenstück“ ist derzeit im Prinzenpalais des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg zu sehen. Es gehört zum Bestand des Hauses und ist bis zum 22. Mai Teil einer Ausstellung, die rund 35 Werke der nordwestdeutschen Maler-Ikone aus den Jahren 1920 bis 1933 zeigt. Der Künstler hatte 1925 seine erste Einzelausstellung in Oldenburg und Wilhelmshaven. Den größten Teil seines Lebens verbrachte er in Dangast.

In Dangast hängt momentan neben anderen Radziwill-Werken aus der Zeit des Nationalsozialismus ein weiteres „Rasenstück“. „Stahlhelm im Niemandsland“ heißt das still-dramatische Werk in der für Radziwill typischen Untersicht. Es zeigt einen durchlöcherten Helm neben zerstörtem Zaun und abgerissener Rasenkante. Der Betrachter muss sich wie an einem Abgrund fühlen. Nach 1945 wird der Maler ungleich offensivere Untergangsszenarien mit magisch-mystischen Attributen in Serie schaffen.

Radziwill malt den „Stahlhelm“ 1933, im selben Jahr entsteht „Vorstadthäuser in Düsseldorf“, eines seiner schönsten Bilder. 1933 tritt er in die NSDAP ein und wird zum Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie berufen. Feiert Radziwill mit „Stahlhelm“ Heldentum oder gibt er dem Schrecken des Krieges Gestalt? Einen Krieg hatte der 1895 geborene Künstler bereits miterleben müssen, nach 1945 stellt er den Menschen auf brüchigem Eis, vor Friedhofsmauern und unter einem zerborstenen Himmel dar, hinter dem sich mal tiefe Schwärze, mal sakral gefärbtes Hoffnungslicht eröffnet.

Doch welche Haltung nimmt Radziwill während des Nationalsozialismus und zum Hitler-Staat ein? Ist er ein Mitläufer, dem es nur um seine Arbeitsmöglichkeiten geht? Wie ist zu bewerten, dass er viele seiner Frühwerke verwirft, übermalt oder partiell revidiert? Versucht er, dem Verdacht des „Entarteten“ entgegen zu steuern? 1934 entdecken Studenten Radziwills expressionistische „Jugendsünden“. Der Künstler verliert ein Jahr später sein Lehramt, wird 1936 durch Goebbels rehabilitiert. 1938 trifft ihn ein generelles Verbot von Einzelausstellungen durch die Reichskammer der bildenden Künste. Radziwill wird Kriegsberichterstatter, Luftschutzpolizist und technischer Zeichner. 1949 erhält er das Prädikat „entlastet“.

Franz Radziwill zählt zu dem umstrittensten Malern des 20. Jahrhunderts, sein Werk zu den markantesten und schillerndsten künstlerischen Hinterlassenschaften. In manchen Arbeiten stehen Ausdruck und Analytik direkt gegenüber, nicht selten sind frühe Bilder mit den Chiffren des Spätwerks nachträglich aufgefüllt. Radziwill geht in seiner Nähe zu einer „art brut“ weiter als die „Brücke“-Kollegen, entwickelt in seiner „sachlichen“ Periode eine eigene magische Leuchtkraft und Theatralik profaner Dinglichkeit. Schließlich schafft er im Spätwerk einen unverwechselbaren Symbolismus, in dem vor den Kulissen einer berstenden Architektur und Natur, umgeben von zerstörerischer Technik, das Individuum auf einsamen Irrwegen jeden Boden verliert.

Dabei ist sich Radziwill der Hoffnung auf himmlischen Beistand offenbar nicht sicher. Mal schließen Schutzengel die Augen, mal leuchtet ein Silberstreif am Horizont. Brillanz und Faszination werden den späten Werken attestiert, man muss plakative Sinnbildlichkeit mögen und auch mit prall gefüllten Leinwänden etwas anfangen wollen.

Die Fragen nach den ästhetischen Wurzeln und Einflüssen, nach der Verstrickung in die Nazizeit und nach der künstlerischen Haltung im resignativ-pathetischen Alterswerk konnten nie umfassender vor den Werken selbst reflektiert werden als in diesen Monaten. Während das Landesmuseum Oldenburg die Werkphase 1920 bis 1933 präsentiert (bis 22. Mai), stellt das Stadtmuseum das Spätwerk 1945 bis 1971 aus (bis 22. Mai). Die Zeit 1933 bis 1945 dokumentieren die Kunsthalle Wilhelmshaven (bis 22. Mai) und das Franz-Radziwill-Haus Dangast (bis 15. Januar 2012). Hinzu kommt eine große, attraktiv bestückte Überblicksschau in der Kunsthalle Emden: „Franz Radziwill – 111 Meisterwerke“ (bis 19. Juni).

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