In Bremerhaven entdeckt Thomas Oliver Niehaus „Faust I“ als Lesestück

Was heißt hier Rollen!

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Menschlich, irdisch: Faust (Andreas Möckel). ·

Von Volker HeigenmooserBREMERHAVEN · „Faust“ steht auf der dunkelgrauen Wand des Eisernen Vorhangs im Stadttheater Bremerhaven, davor liegen verstreut auf dem Bühnenboden auf DIN-A-4-Blättern ein Apfel, ein Ei, ein Salzlicht, eine Schreibtischlampe, ein Blumentopf und nicht zuletzt der unvermeidliche Totenkopf.

Wenn dann Andreas Möckel als Faust die Bühne betritt und seinen berühmten Monolog (Habe nun, ach! Philosophie etc. studiert) spricht, beginnt ein grandioser Theaterabend, der bis zur letzten Minute fesselt.

Zum Entsetzen ehemaliger Studienräte inszeniert Thomas Oliver Niehaus Goethes Faust so, als wäre es ein Stück von Bert Brecht: wunderbares episches Theater, das den klassischen Zitatenschatz der Deutschen aufs Schönste entzaubert. Niehaus kommt in seiner Inszenierung mit sechs Personen aus, die bis aus den Darsteller des Faust in verschiedene Rollen schlüpfen. Doch was heißt hier Rollen! Denn Niehaus tut nicht so, als ob Goethe ein theatergerechtes Stück geschrieben hätte, sondern begreift es als Lesestück, das man gar nicht szenisch aufführen kann. Und wenn doch einmal eine Szene ausgespielt wird, dann ganz im Sinn des epischen Theaters, entmystifizierend. Beispielsweise wenn die großartige Meret Mundwiler als Margarete aus dem Chor der Sprechenden hervortritt und das Schmuckkästchen, das ihr Mephistopheles in ihren Kleiderschrank untergeschoben hat, erst einmal aus zwei Papierblättern bastelt, während sie die Ballade vom König in Thule singt, zur behutsamen Musik von Patrick Schimanski. Als aus den Blättern ein Kästchen geworden ist, kann Gretchen es bewundern und im nächsten Moment zerstören. Dann tritt sie wieder zurück in die Reihe des Chors.

Wer sich diese Bremerhavener Faustinszenierung ansieht, sollte die großen Vorbildinszenierungen mit Gründgens, Minetti oder Quadflieg schnell vergessen. Niehaus interpretiert Faust sehr menschlich, sehr irdisch. Der gelehrte Forscher, der der puren Rationalität huldigt, merkt, dass er damit an Grenzen der Erkenntnis geraten ist. Sein Ausflug in esoterische Gefilde, die er mit Hilfe seines Kumpels Mephistopheles unternimmt, gelingt nicht recht. Martin Bringmann spielt den Mephisto fernab jedes Pathos’ mit herrlicher Nonchalance.

Erst als Faust die Liebe zu Margarete entdeckt, sieht Faust einen Ausweg aus den von den rationalen Erkenntnismöglichkeiten gezogenen Grenzen. Da er sich jedoch im Leben der Gefühle nicht auskennt, muss die Beziehung zu Margarete scheitern und sie ins Unglück stürzen.

Die Aufführung des „Faust I“ in Bremerhaven ist ausgesprochen konzise und stringent mit einem schlanken Text (Dramaturgie Sibille Hüholt) und einer von Geelke Gayken spartanisch eingerichteten Bühne, die sich in der Walpurgisnacht nicht scheut, die Theatermaschinerie mächtig anzuwerfen und rotieren zu lassen. Und es ist eine Aufführung, die zeigt, was exzellente Schauspielerinnen und Schauspieler alles vermögen: Neben den schon genannten treten Sascha Maria Icks, Walter Schmuck und Isabel Zeuner in verschiedenen Rollen auf. Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle wirklich spielen, sprechen und wunderbar singen können und so den Mehrwert des unmittelbar zu erlebenden Schauspiels herauskehren. Knapp zwei Stunden schönstes Theater mit eindruckvollen Bildern vergehen wie im Flug und hinterlassen einen Goetheschen Faust, der wohltuend entrümpelt worden ist.

Weitere Vorstellungen: am 12. und 30. November, jeweils um 19.30 Uhr im Stadttheater Bremerhaven.

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