„Hier liegt der Schnei“: Gregor Gysi blickt in der Bremer Concordia auf seine Erlebnisse mit dem Dramatiker zurück

Als Heiner Müller einen Mietstreit erklärte

Gregor GysiArchivfoto: ap

BREMEN (Eig. Ber.) n Alle gedenken des Mauerfalls vor 20 Jahren, doch gegen das deutsch-deutsche Drama schlechthin ist Sauerbier ein Kassenschlager. Zahlreichen Stadttheatern habe er Heiner Müllers „Germania Tod in Berlin“ zur Bühnenproduktion vorgeschlagen, sagt Regisseur Patrick Schimanski.

Doch kein Intendant, Jahrestag hin, Jahrestag her, habe sich für den Klassiker der Postmoderne erwärmen können. Zu aufwändig, sagten die einen. Zu unverständlich, sagten die anderen.

In der Tat handelt es sich um eher schwere Kost. Deshalb kann es nicht schaden, wenn das Bremer Theaterlabor – welches sich nun des Werkes erbarmt hat – der Premiere am kommenden Freitag eine Einführungsveranstaltung vorausschickt. So sitzt Regisseur Schimanski am Sonntagabend in der Bremer Concordia und versucht, Müllers Textgebirge auf begreifbare Maße einzuebnen. Auch Theaterkritiker Thomas Irmer hat sich aus Berlin eingefunden und einen Film über Müller mitgebracht, den er kürzlich im Auftrag von 3sat koproduzierte. Und dann begrüßt Moderator Alexander Schnackenburg noch einen dritten Gast: Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei, was an diesem Abend aber keine Rolle spielen soll. Denn nicht der Politik, sondern der Kulturgeschichte gilt die Veranstaltung. Und wer das Verhältnis zwischen den zentralen Figuren der Theaterszene in der DDR zur politischen Führung des Staates verstehen will, kommt um Gysi nicht herum. Hatte doch der heutige Spitzenpolitiker einst als Ostberliner Anwalt sie alle vertreten: Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen.

Gysi ist der Star des Abends, er ist es jedoch weniger aufgrund seiner Prominenz als seiner Geschichten, die er im Gepäck hat. In gewohnt launiger Rhetorik parliert er über Heiner Müller, Regie-Legende Frank Castorf und deren regelmäßige Arbeitsverbote. Wann ein solches ausgesprochen würde, sagt Gysi, habe man meist an der aktuellen Stellung des zuständigen Ministers ablesen können. Wähnte dieser gerade sein politisches Ansehen in Gefahr, setzte er kurzerhand eine Castorf-Produktion ab. Spürte er hingegen allzu starke Abneigung aus der Kulturszene, hob er das Verbot wieder auf.

Heiner Müller in solchen Verbotsfällen zu beraten, beschreibt Gysi als recht mühsame Aufgabe: „Müller erklärte sich vor Gericht immer gleich zu allen möglichen Kompromissen bereit. Manchmal hätte ich ihm am Liebsten einen Maulkorb verpasst.“ Die Klientengespräche indes seien oft zäh verlaufen. Groß und breit habe ihm Müller etwa den Sachverhalt eines Mietstreits geschildert. Weil Gysi auch nach einer halben Stunde immer noch der Durchblick verwehrt blieb, unterbrach er seinen Klienten: „In deinen Werken brauchst du immer nur wenige Sätze um komplizierte Vorgänge zu beschreiben. Warum gelingt dir das denn jetzt nicht?“ Müllers Antwort: „Glaubst du, ich müsste schreiben, wenn ich reden könnte?“

Wirklich gefährdet, urteilt Gysi, sei Heiner Müller nie gewesen: zu groß sein Ruhm, zu riskant konsequente Restriktionen. Während etablierte Intellektuelle wie Müller oder Castorf die Auseinandersetzung mit dem Politbüro eher als sportlichen Wettkampf begreifen konnten, bekamen unbekannte Künstler im Gefängnis die volle Härte des Sicherheitsapparats zu spüren. Ihnen zu helfen, sagt Gysi, sei eine ungleich anspruchsvollere Aufgabe gewesen. So habe er einmal eine Geschichte erfinden müssen, wonach er auf einem Empfang von westlichen Journalisten auf inhaftierte Schauspieler angesprochen worden sei: „Kurze Zeit, nachdem ich Honecker in einem Brief über diesen vermeintlichen Vorgang unterrichtet hatte, wurde jeder zweite von ihnen freigelassen.“

Ach, ja: „Germania Tod in Berlin.“ Fast wäre über all diese Anekdoten die Werkeinführung in Vergessenheit geraten. Schimanski sagt, es gehe in dem Stück um die Frage, „warum deutsche Revolutionen letztlich immer scheitern“. Und Irmer findet, dass es deshalb nicht verwundern könne, wenn zum Jubeljahr der Wende kein Theaterintendant an eine solch unbequeme Einsicht denken mag. Doch jetzt gerät Gysi erst richtig in Fahrt. Was die deutschen Revolutionen betrifft, so habe er sich schon bei den Montagsdemonstrationen darüber gewundert, dass das Volk erst nach Feierabend auf die Straße ging. Der Deutsche erfülle eben erst brav seine Pflicht, bevor er zu Fahne und Trillerpfeife greift: „Sozialer Protest liegt uns nicht.“ Undenkbar sei ein derartiges Verhalten etwa in Frankreich, wo Studenten 13 Tage lang von morgens bis abends gegen ein vergleichsweise harmloses Gesetz zum Kündigungsschutz demonstrierten. Mit Erfolg.

Und dann hat Gysi noch einen Rausschmeißer parat. Einmal, erzählt er, habe er mit Heiner Müller gemeinsam die Premiere eines seiner Stücke besucht. Wüste Szenen, schräge Bilder: ein echter Müller eben. Vorne an der Rampe sitzt eine obskure Gestalt, weist mit großer Geste auf den schneebedeckten Boden, kräht pathetisch: „Hier liegt der Schnei!“ Ob das sein müsse, fragt Gysi Heiner Müller in der Pause: Warum nicht einfach Schnee statt Schnei? „Ach, was!“, wehrt Müller ab: „Das war doch nur ein Druckfehler!“

Die Premiere von „Germania Tod in Berlin“ findet am Freitag um 20 Uhr in der Bremer Concordia statt.

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