Heimat ist nirgendwo

„Ein Haus in der Nähe einer Airbase“ feiert Uraufführung am Theater Bremen

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Warum die Tochter (Fania Sorel) für immer im türkischen Ferienhaus leben soll, darüber schweigt sich ihr Vater (Siegfried W. Machek) aus.

Bremen - Von Jens Laloire. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Teenager und haben – so wie in den vergangenen zehn Jahren – mit Ihren Eltern den Sommerurlaub in ihrem Ferienhaus verbracht. Aber anders als sonst, verkünden Ihre Eltern, dass man hierbleiben werde.

Ihre Eltern haben beschlossen, komplett ins Ferienhaus zu ziehen. Und nun stellen Sie sich vor, das Haus liegt im Südosten der Türkei, unweit der syrischen Grenze. Sie sind jedoch in Deutschland geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ihre Eltern haben zwar türkische Wurzeln, aber was gehen Sie deren Wurzeln an? Sie sind Deutsche, Ihre Muttersprache ist Deutsch, Ihre Freunde sind in erster Linie Deutsche. Sie wollen nicht in der Türkei leben, Sie wollen zurück nach Deutschland.

In dieser Situation befindet sich die Tochter einer Kleinfamilie zu Beginn des am Freitagabend im Bremer Schauspielhaus uraufgeführten Stücks „Ein Haus in der Nähe einer Airbase“. Die Eltern haben ihrer Tochter mitgeteilt, dass die Familie in der südtürkischen Stadt Adana ein neues Leben beginnen werde. Auf die Frage nach dem Grund für diese Entscheidung heißt es nur, der Vater wolle Solarpanels verkaufen und die Mutter eine Praxis für Psychotherapie eröffnen. Egal wie oft die Tochter nachbohrt, stets erhält sie bloß diese Antwort. Nur ein einziges Mal, in einem schwachen Moment, gesteht die Mutter, dass jeder Fehler, den sie in Deutschland begehe, bloß zeige, dass sie nicht dazugehöre.

Dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens

Die wahren Motive für den Umzug liegen also deutlich tiefer. Obwohl die Eltern so viele Jahre in Deutschland lebten, hatten sie nie das Gefühl, voll akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Dieses Gefühl des Nicht-Dazugehörens ist vielen Deutschen der zweiten oder dritten Generation türkischer Einwanderer sehr vertraut. Sie sind zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber für die sogenannten Bio-Deutschen bleiben sie die Türken. Aber auch in der Türkei sind sie Außenseiter, das Land, das die Eltern im Stück ihre Heimat nennen und das mit so vielen Urlaubserinnerungen verknüpft ist, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als weitaus fremder als gedacht. Ist dieses von einem Autokraten regierte und in Kriege verstrickte Land wirklich der Ort, an dem sie leben wollen, oder fallen die Eltern ihrer eigenen Urlaubsromantik und Heimatfolklore zum Opfer?

Dies ist eine der zentralen Fragen, um die das Stück kreist, das der 1991 in Essen geborene Autor Akin Emanuel Sipal für das Bremer Theater geschrieben hat und das nun in einer Inszenierung des Regisseurs Frank Abt erstmals aufgeführt wird.

Zu Beginn steht auf der sonst kargen Bühne eine große Wand aus Umzugskartons, die das Haus symbolisiert. Etwa acht Meter breit und drei Meter hoch dient die Wand als Kulisse für die Darsteller, die sich aber auch auf die Kartons setzen oder die Wand hinaufklettern. Hier beginnt die Tochter (Fania Sorel) ein Techtelmechtel mit einem Soldaten (Marco Massafra) von der nahegelegenen Airbase, von der US-Bomber abheben. Hier schwelgen die Eltern (Irene Kleinschmidt und Siegfried W. Maschek) in Urlaubserinnerungen, schälen Orangen, versuchen die sie umgebenden politischen Zustände zu verdrängen und verzweifeln allmählich.

In erster Linie wird erzählt

Je mehr der Traum zerbröselt, desto mehr Kartons brechen aus der Wand, die zugleich als Projektionsfläche für verschiedene Videoprojektionen dient – mal sind es Bilder von der Landschaft, mal die Profile der Schauspieler in Großaufnahme, die Atmosphäre schaffen.

Viel Handlung zwischen den Akteuren gibt es allerdings nicht zu sehen, in erster Linie wird erzählt. Die Tochter erzählt vom Streit mit ihren Eltern, vom Soldaten und von den Erfahrungen mit ihren versnobten Schulkameraden aus der Upperclass. Die Mutter von ihren frustrierenden Erlebnissen mit den Frauen der Schickeria, und der Vater berichtet von seinen erfolglosen Versuchen, sich bei der Landbevölkerung als Geschäftsmann zu etablieren.

Da Sipals Text sehr dicht ist – zudem zwischendurch mit kontrastierenden historischen Textauszügen angereichert –, entwickeln sich intensive Momente, aber ebenso Phasen, die sich wie ein monotoner Urlaub dahinziehen. Dies liegt vor allem daran, dass zwar permanent geredet wird, jedoch kaum in Dialogen. Dementsprechend erfrischend wirkt ein Streitgespräch, das sich zwischen den Eltern und einem Onkel entzündet und in dem zahlreiche Konflikte aufreißen. Da eskaliert eine Familienfehde in einem rasanten Ping-Pong-Dialog zu einer Diskussion über Politik und Ignoranz, über Heimatromantik und Gesellschaftszustände sowie Erfolg, Anerkennung und Identität. Zwei, drei mehr solcher Momente hätte man sich gewünscht, um der gut 100-minütigen Inszenierung ein wenig mehr Drive zu verpassen. Alles in allem ist der Abend aber durchaus sehenswert, weil Sipal mit „Ein Haus in der Nähe einer Airbase“ ein relevantes Stück Gegenwartsdramatik geglückt ist.

Weitere Termine: Heute, Donnerstag, 15. Februar, 10. und 21. März, jeweils um 20 Uhr, Theater Bremen.

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