SERIE: THEATER GANZ NAH Schauspieler Matthieu Svetchine

Heimat Bühne

„Eine magische Arbeit“ – Lisa Guth (v.l.), Matthieu Svetchine und Nadine Geyersbach in „Herkunft“. Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Frank Schümann. Er war ein gefallener Engel in Elfriede Jelineks „Tod.krank.doc“, mannschaftsdienlicher Zuspieler in der Bremer Straßenoper, der getriebene Titelheld in Joachim Lottmanns „Endlich Kokain“ und nicht zuletzt Kaiserin Sissi in der Operette „Im weißen Rößl“. Klar, dass sich die Liste noch länger fortsetzen ließe, doch die kleine Auswahl an Rollen zeigt bereits, dass Matthieu Svetchine ein besonderer Schauspieler ist – einer, mit dem sich sehr viel machen lässt, aber auch einer, der sehr viel will – und der viel zu geben bereit ist.

„Die Schauspielerei ist für mich das größte Glück auf Erden“, sagt der 42-Jährige, der bereits auf ein bewegtes Leben zurückblicken kann. Als Kind russischer Eltern in Paris geboren, verbrachte er die ersten acht Lebensjahre in der französischen Metropole, ehe er nach der Trennung seiner Eltern mit dem Vater nach Hamburg zog – der hatte sich neu verliebt, in eine deutsche Frau. Inwieweit hat ihn diese Herkunft geprägt? „Insofern, als dass mich das alles erst einmal verwirrt hat, diese verschiedenen Länder und Sprachen – ich hätte gut darauf verzichten können“, antwortet der Schauspieler ehrlich.

Heute sei es natürlich ein Pfund, fügt er hinzu: „Klar, ich kann auf Französisch spielen, sogar dreisprachig, so gesehen ist alles wunderbar – manchmal finde ich das selber sogar toll.“ Aber die Erinnerung an die Verwirrung der ersten Jahre nach dem Umzug bleibe, sagt Svetchine: „Das war nicht einfach – mit den verschiedenen Erwachsenen, die an einem rumgezogen haben.“ In bestimmten Phasen seien die verschiedenen Sprachen immer noch eine Last. Wo fühlt er sich denn heute beheimatet, in Deutschland? Svetchine überlegt, sagt dann: „Eine klassische Heimat habe ich nicht. Die Nummer eins ist sicherlich Paris. Ein gewisses Heimatgefühl zu Deutschland ist auch da, richtig zuhause bin ich hier aber nicht.“

Das Theater als übergeordneten Heimatbegriff lässt er da schon eher durchgehen – die Schauspielerei sei sein absoluter Traumberuf gewesen, von Kindheit an: „Und jetzt bekomme ich sogar Geld dafür, Wahnsinn!“ Und nicht nur das: Er gehört seit Jahren zu den Aushängeschildern de Ensembles, erntet zahllose gute Kritiken. Tatsächlich ist es diese Leidenschaft, gepaart mit Aura und Schauspielkunst, der man sich bei Svetchine kaum entziehen kann – der Mann lebt, was er glaubt, mit vollem Herzen. Überhaupt die Freude und die Freundlichkeit im Umgang anderen gegenüber – sie sind Markenzeichen von Matthieu Svetchine, über das Proben- und Spielgeschehen hinaus. Da mag es gar nicht so sehr ins Bild passen, dass er auf den vielen Portrait-Fotos, die es von ihm gibt, am liebsten ernst, häufig gar finster schaut. Ein Widerspruch? Nur auf den ersten Blick.

„Nach außen bin ich immer positiv“, sagt er, „aber ich zweifele auch viel“. Die Außenwahrnehmung sei anders als das, was „drinnen“ passiere. Wenn er in einer aktuellen Produktion ist, gehe er völlig darin auf: „Man steigert sich rein, ist komplett in einem Tunnel – und man vergisst fast, dass es ein Leben gibt.“ Nach Premieren sei er immer total erschöpft – aber in der Regel auch zufrieden. Theater funktioniere halt immer, sagt er: „Es geht darum, die Momente zu leben“, sagt er, und „auf der Bühne zählt eben nur der Moment.“

Aber auch der Weg zum Theater war für ihn nicht so einfach: Nachdem feststand, dass er Schauspieler werden wollte, hatte er sich überall an Schauspielschulen beworben – „und bin 24-mal nicht genommen worden“, erzählt Svetchine. In einem Fall sei ihm sogar geraten worden, Kabarettist zu werden: „Sie sagten, wir machen hier Goethe, Schiller, Lessing, das ist nichts für Sie.“ Doch Matthieu Svetchine ließ sich nicht entmutigen; aufgeben kam nicht infrage. Schließlich habe er im Lebenslauf geschummelt, einen französischen, schwer nachprüfbaren Abschluss erfunden, erzählt er – und fortan ging sie voran, die Karriere.

In vielen Häusern wie Hannover, Tübingen, Dessau und dem Hamburger Thalia-Theater war er zu sehen, ehe er schließlich in Bremen von Michael Börgerding engagiert wurde. Heute ist die Geschichte mit dem Lebenslauf allgemein bekannt. Überhaupt gehe er jetzt ganz offen damit um, und die Reaktionen seien immer positiv – nach dem Motto: „Du hast ja nun wirklich bewiesen, dass du es kannst“.

In der Tat, in Bremen alleine in rund 35 Produktionen, unter denen die Arbeiten mit Regisseur Felix Rothenhäusler – wie „Die Räuber“, „Faust hoch Zehn“ oder „Verzehrt“ – für ihn eine besonderen Stellenwert haben, ebenso wie „Endstation Sehnsucht“ oder in der abgelaufenen Spielzeit „Nathan der Weise“. Und natürlich, fügt er hinzu, müsse er auch „Herkunft“ nennen, jene Arbeit nach dem Buch von Oskar Roehler, die ihn besonders berührt habe: „Das war eine geradezu magische Arbeit für mich – dabei konnte ich mich auch sehr mit meiner eigenen Geschichte auseinandersetzen.“

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