Bremer Shakespeare Company zeigt Variationen alltäglicher Morde

Heilige U-Bahn-Treter

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Plakatmotiv zu „Bash“: Die Mörder leben mitten unter uns.

Bremen - Von Johannes BruggaierGemordet haben sie schon immer gerne: Väter, Mütter, auch die Heiligen im Auftrag des Herrn. König Agamemnon zum Beispiel hatte keine Bedenken, für eine günstige Überfahrt nach Troja seine Tochter Iphigenie zu opfern. Und von Medea ist bekannt, wie grausam sie sich an ihrem untreuen Geliebten rächte. Alles lange her, Episoden archaischer Riten. Und zugleich Alltag im Europa des 21. Jahrhunderts.

Denn allen hehren Grundsätzen der Aufklärung zum Trotz wird munter weiter geopfert und gerächt, Agamemnon und Medea sind mitten unter uns. So jedenfalls lautet die These des amerikanischen Dramatikers Neil LaBute, der ihren Beweis in drei Monologen anzutreten versucht.

Peter Zadek hatte „Bash – Stücke der letzten Tage“ einst als erster in Deutschland auf die Bühne gebracht, eine Abfolge von drei Monologen. Gehalten werden sie von Menschen edelsten Charakters, gottesfürchtigen Mormonen mit einer Gemeinsamkeit: Jeder von ihnen hat bereits einmal einen Menschen getötet. Am Sonntagabend hatte das Stück nun an der Bremer Shakespeare Company Premiere, im intimen Ambiente der Kneipe „Falstaff“.

Agamemnon ist Frank Auerbach, ein biederer Herr mit Gelfrisur und braunem Nadelstreifenanzug. Wir lernen ihn kennen als einen von uns, mit Weinbrandglas am Kneipentisch sinnierend. „Iphigenie in orem“ lautet sein Monolog laut Stücktext. Erst spät enthüllt sich, worin dieser der antiken Sage gleicht.

Er spricht vom Business und seinen Regeln, vom mittleren Management, in dem er seit Jahren mit Erfolg tätig ist. Er spricht von seiner langen Ehe mit Deborah, von seinen zwei Kindern. Und er spricht über das Unglück: damals, als das dritte Kind plötzlich starb. Mit fünf Monaten, erstickt unter der schweren Tagesdecke des Ehebetts.

Das Unglück, man ahnt es früh, dürfte keines gewesen sein, der treusorgende Familienvater wird – Weinbrand löst die Zunge – seinen Anteil an diesem plötzlichen Kindstod beichten. Er hat, so stößt er nach und nach hervor, das Kind absichtlich unter die Decke geschoben. Weil ihm die Kündigung im Betrieb drohte. Und weil er sich von einer privaten Tragödie eine berufliche Schonung erhoffte.

Wie Auerbach diese Wahrheit allmählich durch die Schichten seiner offiziellen Version der Geschichte durchbrechen lässt, ist zunächst irritierend eindimensional. Will sich doch einfach kein Unterschied offenbaren zwischen Manager und Mörder, zwischen liebendem Familienvater und skrupellosem Karrieristen. Doch gelingt es Auerbach durchaus, diese Eindimensionalität als Qualität hervortreten zu lassen. Denn gerade in der Gleichförmigkeit der Betrachtung von Karriere und Kindstod, Mord und Management, liegt die Brisanz dieses Geständnisses begründet. Es ist das Porträt eines rein strategisch operierenden Charakters, eines Agamemnon der Neuzeit.

Stellvertretend für die „Meute von Heiligen“ lümmelt sich Christian Bergmann als Yuppie breitbeinig in seinen Kneipenstuhl. Den Hemdkragen um drei Knöpfe geöffnet, Kettchen mit Goldkreuz auf der blanken Brust: die üblichen Tarnungsmanöver einer tief im Bewusstsein verborgenen Unsicherheit. Getarnt werden muss der Zweifel an der Rechtmäßigkeit seines Handelns, damals im Park. Es war im Rausch einer vollkommenen Nacht passiert, trunken von den Küssen der Geliebten, aufgepeitscht von der erhitzten Atmosphäre einer Party.

Er und zwei Freunde – im festen Glauben, an diesem Abend das einzig wahre Leben zu führen – wollten es jenen zeigen, die dem falschen Leben anhingen: den Schwulen, die sich im Park zu verabreden pflegten. Im Rausch der perfekten Nacht schlugen sie auf ihr Opfer ein, besinnungslos, bis es keinen Laut mehr von sich gab. Eine Eloge auf das quasireligiöse Sendungsbewusstsein der U-Bahntreter unserer Zeit.

Medea schließlich ist eine zierliche Frau im schlichten Mitarbeiter-Shirt der Shakespeare Company (Kathrin Steinweg). Ihr Opfer war Lehrer und als solcher zugleich auch Täter, weil er sie als 14-Jährige verführte und schwängerte. Doch das, sagt diese Medea, stimme so nicht: Er war gar kein Täter, nicht schon wieder die üblichen Klischees vom Pädophilen, der seine Schülerin missbraucht. Eine Liebesbeziehung sei es gewesen, ganz einfach. Es schwingen Zweifel mit, als sie das sagt, Anflüge von Selbstrechtfertigung: Sie will nicht das Opfer sein. Doch dann erzählt sie von ihrem Wiedersehen, Jahre später. Er lag in der Wanne, sie warf den laufenden Kassettenrekorder hinein: Kann eine Täterin auf Verständnis hoffen, wenn sie zugleich die Opferrolle ablehnt?

Das Trio der Shakespeare Company hat aus LaButes Monologen drei bemerkenswert vielschichtige Porträts geformt: Miniaturen der Grausamkeit, gemalt mit filigranem Pinselstrich. Da fallen Auerbachs leichte Nachlässigkeiten in der Artikulation zu Beginn kaum ins Gewicht.

Es hat sich viel getan, seit Iphigenie dem Kalkül ihres Vaters zum Opfer fiel. Aus Seefahrern sind Manager geworden, aus Heiligen U-Bahn-Treter. Nur eines ist geblieben: Am Morden hat die Menschheit ihre Lust noch lange nicht verloren.

Kommende Vorstellungen: am 4. und 18. Mai, jeweils um 19.30 Uhr in „Falstaff“ neben dem Theater am Leibnizplatz.

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