Kugelschreiber-Kritzeleien als Lightversion des Tätowierungskults: Marcks Haus zeigt Installation von Ilka Rautenstrauch

Mit Hautbemalung den Alptraum besiegen

Ilka Rautenstrauch: „Zwischenblau“

Von Johannes BruggaierBREMEN (Eig. Ber.) · Der erste Gedanke gilt der Volkshochschule. Wie das Ergebnis eines Kurses in Seidenmalerei nämlich mutet die in unterschiedlichen Blautönen gestaltete Fläche auf der Rückwand des Pavillons zunächst an. Allzu bewusste Filigranität, gewollt geschwungene Formen als Ausdruck natürlicher Harmonie.

Davor stehen zwei Skulpturen aus Holz. Links ein gesichtsloses blaues Vogelwesen. Seine Menschenbeine münden in Krähenfüße, die sich um einen Baumstamm krallen. Über den blauen Rücken erstreckt sich eine Art Hahnenkamm zum Kopf empor. Vorne wendet sich ein Papageischnabel selbstbewusst zum kleineren Gegenüber auf der halbrechten Seite. Dieser ist ein barbrüstiger Schuljunge, der seine Hände lässig in die Taschen seiner kurzen Hose vergräbt. Von den blauen Zehen seiner überdimensionierten Füße ausgehend erstreckt sich ein Muster über die Beine und den nackten Rücken bis hinauf zum kahlen Schädel: kleine blaue Monster mit einer Art Hahnenkamm und spitzem Maul, offenbar mittels Kugelschreiber aufgetragen.

Einerseits sind es bloß Kugelschreiber-Kritzeleien. Andererseits sind sie derart kunstvoll angefertigt, als handele es sich um das Werk eines emsigen Tätowierers. Und vielleicht liegt darin ja auch das Interpretationsangebot der Künstlerin Ilka Rautenstrauch, die ihre Installation im kleinen Ausstellungsraum des Bremer Gerhard Marcks Haus „Zwischenblau“ nennt. Lassen sich die Selbstbekritzelungen gelangweilter Schüler womöglich als spielerische Vorstufe einer sich anschließend einstellenden Tätowierungslust begreifen? Und woher kommt er eigentlich, dieser Drang zur Bemalung des eigenen Körpers? Mit Blick auf Rautenstrauchs Figurenkonstellation aus der Sehnsucht nach Beherrschung eigener Ängste. Indem ich das alptraumhafte Vogelwesen auf meine Haut einbrenne, eigne ich es mir an. Zeichnen funktioniert vor diesem Hintergrund als Erschließung und Aneignung der Wirklichkeit, Tätowieren als endgültiger Sieg über den Gegner. Woraus zu schließen ist: Je gefährlicher das Motiv einer Tätowierung, desto größer die Ängste des Tätowierten.

Dass es sich bei diesen Ängsten oftmals um eine übersteigerte Illusion handelt, zeigt allein die künstliche Erhöhung von Rautenstrauchs Fabelfigur. Schließlich wird der majestätische Blick von oben herab erst durch einen profanen Hocker ermöglicht: In Wahrheit ist der herrische Vogel kleiner als sein mutmaßlicher geistiger Schöpfer.

Angesichts dieses Wechselspiels von Illusion, Machtausübung und Aneignung erscheint nun auch die blaue Fläche auf der Rückwand in neuem Licht. Sieht man sie sich genauer an, erkennt man auch hier die kleinen Monster. Quer über die Wand verteilt bilden sie eine schmale Bordüre und zeigen damit, dass auch die Motivwahl dekorativer Elemente mitunter therapeutisch motiviert sein kann. Hinter der allgemeinen Vereinnahmung von Löwen und Adlern als Herrschaftssymbole in den Palästen dieser Welt verbirgt sich vielleicht nichts weiter als die Furcht vor dem eigenen Machtverlust.

Das Erkennen der intellektuellen Substanz von „Zwischenblau“ wirkt sich zwangsläufig auch auf die formalästhetische Wahrnehmung aus. Und die in ihren harmonischen Formen vormals naiv wirkende Blaufläche lässt sich jetzt als bewusste Spiegelung eben dieses naiven Aneignungsprozesses verstehen: eines Prozesses, der Gefahren durch bloße Abbildung zu begegnen versucht.

Bis 5. September. Öffnungszeiten: Di. bis So. 10-18 Uhr.

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