SERIE: THEATER GANZ NAH So international ist das Vier-Sparten-Haus

„Hat es geklappt? – Natürlich!“

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Monica Fernandez, Kilian Farrell und Ferdaouss Adda.

Eine amerikanische Opernsängerin, eine spanische Personalchefin oder ein irischer Dirigent – wer am Theater Bremen zu tun hat, trifft fast zwangsläufig auf Persönlichkeiten aus aller Herren Länder. Ob Frankreich, Griechenland oder Russland – am Goetheplatz scheint es gefühlt kaum ein Land zu geben, das nicht vertreten ist. Dem ist natürlich nicht so, aber: Kaum eine Institution in Bremen kann den Anspruch „Wir sind bunt“ so selbstverständlich behaupten wie das Theater Bremen.

Bremen - Von Frank Schümann. Die eingangs begonnene Liste wäre denn auch fast beliebig fortzuführen. Der Chef der Maske war jahrelang Rabi Alil, aus dem Libanon stammend, ebenso charmant wie stadtbekannt, jetzt geht er in Rente. Leiter der Beleuchtungsabteilung ist mit Christian Kemmetmüller ein Österreicher, Mitarbeiterinnen der Schauspiel-Dramaturgie stammen aus der Schweiz und Tschechien, eine Schauspielerinnen aus den Niederlanden und eine aus Belgien – das Musiktheater- und das Tanzensemble sind ohnehin international. Nicht zu vergessen Yoel Gamzou, der israelische Generalmusikdirektor. Insgesamt stammt ein gutes Fünftel der 440 Theater-Mitarbeiter aus anderen Ländern, rund 50 Nationen sind vertreten, 40 Sprachen werden gesprochen.

Und das Schönste ist: Der Umgang untereinander ist völlig normal. „Es ist überhaupt nicht wichtig, aus welchem Land jemand kommt, Hauptsache, wir verstehen uns irgendwie“, sagt der Ire Killian Farrell. „Und das tun wir.“ Farrell, gerade mal 25 Jahre alt, ist in Dublin geboren und lebt seit zwei Jahren in Bremen, arbeitet hier als Dirigent, Korrepetitor und Assistent des Generalmusikdirektors. Im Musiktheater sei es normal, dass viele Nationen vertreten sind, sagt er – aktuell kommen die Sänger unter anderem aus den USA, Südkorea, Litauen und Chile. Die Verständigung bei den Proben läuft meistens auf Englisch, sagt Farrell: „Wir haben ja nicht so viele Deutsche in der Leitung.“ Nichtsdestotrotz hat er selbst schnell Deutsch gelernt. „Das finde ich schon wichtig, um sich in einer Stadt einzuleben.“ Und wenn sich einer zu Beginn eines Engagements etwas schwer tue, werde ihm eben geholfen.

Die Sopranistin Patricia Andress gehört dem Ensemble schon seit 2007 an – und die US-Amerikanerin gehört zu denen, die sich am Anfang etwas schwer getan haben, in der Stadt anzukommen. „Ich hatte von Anfang an große Partien und war sofort akzeptiert, auf dieser Ebene war alles gut“, sagt sie, „aber ich habe mich dennoch etwas verloren gefühlt – das ist erst nach etwa vier Jahren besser geworden, als ich auch die Sprache besser lernte.“ Längst fühlt sie sich sehr wohl in ihrer neuen Heimat. „Heute“, sagt sie lachend, „bin ich nicht mehr so weit weg von den Deutschen – wenn man so lange in einem anderem Land lebt, nimmt man die Mentalität auch ein bisschen an.“

Patricia Andress

Eingewöhnungsprobleme gelten trotz der offenen Arme, mit denen das Theater neue Kollegen aufnimmt, als normal; manche Schwierigkeiten ergeben sich schon allein dadurch, dass der persönliche Hintergrund jedes Einzelnen auch von seinem Herkunftsland abhängt. Kaum jemand weiß das besser als Monica Fernandez, die Personalleiterin des Theaters. Als Spanierin in Deutschland aufgewachsen – „meine Eltern leben hier, der Rest der Familie in Spanien“ – bringt sie großes Verständnis für etwaige Anpassungsprobleme mit. „Ich weiß, wie schwer es meine Eltern am Anfang hatten“, sagt sie, „von daher war und ist es für mich immer selbstverständlich, zu helfen.“ Man müsse immer sehen, „was jeder Einzelne mitbringt, welche Werte ihm sein Land jeweils mitgegeben hat“. Und: „Welche Rahmenbedingungen dort vorhanden sind oder waren“, ergänzt Ferdaouss Adda.

Der 39-jährigen Deutschen mit Migrationshintergrund – ihre Familie stammt aus Marokko – kommt am Haus eine besondere Aufgabe zu: Sie wurde vor einem Jahr im Rahmen des Programms „360 Grad – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft“ eingestellt und kümmert sich seither um interkulturelle Veränderungsprozesse nach innen, aber auch um Kommunikationsprozesse nach außen. Denn so gut das Miteinander auch ist – es gibt immer noch etwas zu verbessern (siehe auch den Kasten auf dieser Seite). „Ich bin begeistert von dem, was hier entsteht, und sehe das große Potenzial“, sagt Ferdaouss Adda. „Ich glaube aber, dass noch mehr geht, um die Diversität noch sichtbarer zu machen – sowohl in der gesamten Gesellschaft als auch konkret bei uns im Theater. Daran arbeiten wir.“

Die Arbeit ihrer Kollegin sei schon jetzt zu spüren, sagt Monica Fernandez: „Sie ist eine große Bereicherung für uns, und wir ergänzen uns in unseren Aufgabenbereichen sehr gut.“ Hilfe bei bürokratischen Dingen wie beim Ausfüllen einzelner Formulare obliegt aber immer noch der Personalabteilung – wie auch in ganz speziellen Fällen. Zum Beispiel? „Zum Beispiel im Fall eines nächtlichen Anrufs nach Mexiko, wenn einzelne Mitglieder Probleme mit dem Visum haben“, sagt Fernandez lachend. Und, hat es geklappt? „Natürlich!“

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