Stevensons „Der Master von Ballantrae“

Hass in Schwarz und Weiß

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Kreiszeitung Syke

Syke - Von Johannes BruggaierSpätestens als James von Durrisdeer, der „Master von Ballantrae“, in brütender Hitze durch ein Sumpfgebiet stapft, mag man doch noch einmal irritiert aufs Titelblatt schauen: eine „Wintergeschichte“? Wie um alles in der Welt ist Robert Louis Stevenson nur auf diese Bezeichnung gekommen?

Tatsächlich ist „Der Master von Ballantrae“, der jetzt in neuer Übersetzung als Taschenbuch erhältlich ist (erschienen im dtv), alles andere als eine Lektüre zum behaglichen Kuscheln am knisternden Kamin. Handelt es sich doch beim „Master von Ballantrae“ selbst um einen verflucht diabolischen Charakter im Stile Mister Hydes. Die Figur sei „alles, was ich vom Teufel weiß“, bekannte Stevenson denn auch in einem Kommentar zu seinem Werk. Und was er von ihm weiß, das ist offenbar eine ganze Menge.

Es geht um ein Brüderpaar des schottischen Hochadels, die beiden einzigen Söhne des greisen Lords von Durrisdeer. Die Vokabel „Paar“ freilich führt in die Irre, denn die geschwisterliche Zuneigung zwischen dem etwas blassen, steifen Henry und dem selbstbewussten Draufgänger James hält sich in engen Grenzen. Schuld daran ist der alte Lord, dem es einfach nicht gelingen will, seine Liebe unter den beiden Söhnen gerecht aufzuteilen. James von Durrisdeer, der „Master von Ballantrae“, war nun mal schon immer sein Lieblingsspross. Für den später geborenen Henry blieben da nur noch Krümel der väterlichen Zuwendung übrig.

Solche ungeteilte Aufmerksamkeit macht süchtig. Als der Tag naht, an dem beide Brüder ihre Verantwortung aufteilen müssen – fürs Vaterhaus der eine, fürs Vaterland der andere – ist deshalb absehbar, dass James sich damit nicht abfinden wird. Es beginnt ein Bruderduell, das über drei Kontinente führt, drei Todesnachrichten erzeugt und (fast) drei spektakuläre Wiederauferstehungen feiert.

Es geht dabei meist eher hochsommerlich hitzig zur Sache, als dass dies zur Behauptung einer „Wintergeschichte“ passen könnte. Da werden Piratenschiffe gekapert und Indianerzelte belauert, Schätze verbuddelt und Meinungsverschiedenheiten mal eben mit Degen ausgefochten. Und doch ist es eine Wintergeschichte, weil – wie Übersetzerin Melanie Walz in einem Nachwort überzeugend darlegt – die psychologischen Mechanismen dieses Konflikts in einem scharfen Schwarzweiß konturiert werden. Wie Narzissmus in Hass umschlägt und wie Unrecht Rache gebiert, das offenbart sich bei Stevenson wie das nüchterne Ergebnis einer mathematischen Gleichung. Es ist vielleicht nicht der raffinierteste Plot aller Stevenson-Romane, die zurzeit nach und nach wiederentdeckt werden. Dafür einer, der umso tiefer in die mentalen Strukturen zwischenmenschlicher Rivalität eindringt.

Robert Louis Stevenson: „Der Master von Ballantrae“, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 2012; 352 Seiten; 9,90 Euro.

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