Kay Voges inszeniert in Hamburg „Stadt der Blinden“

Hasch mich, ich bin der Effekt

Sandra Gerling als „Sehende“ (oben): Große Bilder in „Die Stadt der Blinden“. Fotos: Marcel Urlaub

Hamburg - Von Rolf Stein. Es mag einem die Lust am Weltuntergang in dem Maß vergehen, in dem er wahrscheinlicher wird. Gegenwärtig zum Beispiel, wo nicht nur das Klima selbst sich sehr zu unseren Ungunsten zu wandeln scheint, sondern auch das Klima im übertragenen, politischen Sinne. Allerdings spräche das gegen die Inszenierung des Regisseurs Kay Voges, die am Wochenende am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg das Licht der Welt erblickte. „Die Stadt der Blinden“ nach dem gleichnamigen Roman von Jose Saramago suhlt sich in der Lust an Gewalt und Apokalypse.

Saramago entwarf in der „Stadt der Blinden“ parabelhaft eine Welt, in der den Menschen das Sensorium für Gut und Böse abhandenkommt. Die entstehende Verwahrlosung ist bestürzend. Zarte Ansätze von Kollektivität werden angesichts der Verknappung der Lebensmittel durch einen immer totalitärer auftretenden Staat mit Waffengewalt zerschlagen, wer die wenigsten Skrupel hat, setzt sich durch in dem ehemaligen Irrenhaus, in dem die Blinden interniert werden. Und als die Unterjochten ihre Wertgegenstände gegen Lebensmittel eingetauscht haben, fordert man von ihnen als Nächstes, die Frauen nach oben zu schicken, auf dass sie den Bösen gefügig seien. Die umfassende Verwahrlosung hat Mona Ulrich in hyperrealistische Kostüme umgesetzt.

Die Eskalation führt schließlich zum Tyrannenmord und zur Flucht aus dem Lager – in eine Welt allerdings, die unbewohnbar geworden ist. Ist schon die Vorlage nicht unbedingt subtil, ist ein Roman eben immer noch ein Roman. In den Händen eines Regisseurs wie Voges, der als wichtige Referenzgröße das große Kino nennt, wird daraus ein Spektakel mit unangenehmem Hang zur Überwältigung.

Zwei Kameramänner und vier Kameras sind mit den Blinden in einer klassizistischen Villa hinter einem hohen Zaun mit Stacheldraht eingesperrt (Bühne: Pia Maria Mackert) und übertragen noch die unappetitlicheren Details des Geschehens auf überlebensgroße Projektionsflächen oder gleich auf die ganze Bühne, was immerhin eine eindrucksvolle visuelle Vielschichtigkeit erzeugt und es auch ermöglicht, das Auge abzuwenden, wenn es gar zu unschön wird. Das ist im zweiten Teil kaum noch möglich. Mit grellen Blitzen schlägt Voges die Schar der dem Irrenhaus Entronnenen aus dem Dunkel heraus, um sie sofort wieder verschwinden zu lassen. Während Sandra Gerling als die Sehende (niemand hat hier Namen) erzählt, was geschieht. Hinschauen muss man da eigentlich schon nicht mehr, weil die Netzhaut bereits nach ein, zwei Blitzattacken voll ist mit Bildern. Vom Text lenkt es aber auch eher ab. Was das vor der Premiere in einem Interview formulierte Vorhaben des Regisseurs, eine „Katastrophen-Gesellschaftsanalyse“ auf die Bühne zu bringen, ad absurdum führt. Wo eine Analyse ihren Gegenstand in seine Bestandteile zerlegt, vervielfältigt Voges das Treiben medial, zieht den Betrachter per Nahaufnahmen möglichst nah in das Geschehen heran, wozu man zunächst stehen mag, wie man will – aber genau das verhindert einen analytischen Blick recht zuverlässig. Während später immerhin die Blindheit der Figuren durch grelle Lichteffekte sinnlich erfahrbar wird. Nur ist auch das nicht sehr analytisch.

Das, was Saramago umgetrieben hat, mag auch Voges bewegt haben, aber die im bereits erwähnten Interview verkündete Möglichkeit, den Abend auf mehreren Ebenen ansehen zu können, ist über weite Strecken ein frommer Wunsch, während sich der Eindruck verfestigt, dass der Schockwert, den dieser Abend zweifelsohne an vielen Stellen aufweist vielleicht doch eher Desiderat war als ein etwaiger aufklärerischer Drang.

Dennoch gibt es doch auch Positives festzuhalten, allem voran zweifelsohne die Leistung von Sandra Gerling. Sie ist die Sehende, also – in einer Verkehrung des antiken Topos vom blinden Seher – die eine Person unter den Blinden, die sehen kann, was sie allerdings vor jenen verbirgt. Gerling gelingt eine schlichtweg furiose Leistung in einer auch körperlich erschöpfenden Inszenierung, die sich über zwei Stunden und 15 Minuten ohne Pause über das Publikum hermacht. Auch Julia Schubert als Prostituierte und Christoph Jöde als Augenarzt und Mann der Sehenden fallen im alles in allem überzeugenden Ensemble auf.

Selbst sehen:

Donnerstag und 30. März, jeweils 20 Uhr sowie Mittwoch, 17. April, 19.30 Uhr; Deutsches Schauspielhaus.

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