Little Richard entfesselt, Mick Jagger abgwrackt: Eine Essener Schau zeigt Rock-Fotografie seit Elvis

Harter Körpereinsatz

Didi Zill: „Mick Jagger“, 1975

Von Veit Mario-ThiedeESSEN (Eig. Ber.) · Große Posen, schrille Outfits, triumphale oder peinliche Auftritte: Rock und Pop haben eine eigene Bildkultur hervorgebracht. Die feiert das Essener Museum Folkwang mit einer großen Schau.

Über die ausgestellten 300 Fotografien, Plattencover, Zeitschriften und Autogrammkarten aus 60 Jahren Rock- und Popgeschichte urteilt Kuratorin Ute Eskildsen: Sie „sind Teil unserer Alltags- und Erinnerungskultur geworden.“ Zum Bild tritt an drei Hörstationen die Musik. Zudem liefert der Audioguide eine Collage aus Interviews, Kommentaren und Musikstücken.

Ute Eskildsen kündigt Fotografien an, „die kaum weniger bekannt sind als die Stars, an deren Mythenbildung sie entscheidenden Anteil hatten.“ Neben einigen Paparazzi-Fotos handelt es sich vor allem um Bilddokumente von Liveauftritten und inszenierte Studioaufnahmen. Zu letzteren gehören die Fotos auf den Covern von Elvis-Platten aus den späten 1950er Jahren. Mal ist er ein ganz Lieber und lächelt freundlich. Irritierend sind hingegen die Bilder, auf denen er herausfordernd blickt. Bildkonstante ist die schmalzige Rock‘n‘Roll-Tolle, die seinerzeit bei braven Bürgern keinen guten Eindruck gemacht haben dürfte.

Auf frühen Fotos präsentierten sich die Beatles mit ähnlichen Tollen, bevor sie als Pilzköpfe für Furore sorgten. Ein „Bravo Star Schnitt“ zeigt sie als nette Jungs im Anzug. Jerry Schatzbergs Foto (1965) erinnert uns daran, dass ihr Auftritt junge Damen völlig aus der Fassung brachte: Einige kreischen, andere schmachten und sind still ergriffen.

Neben der recht kurzen Karriere der Beatles verfolgt die Schau natürlich auch den langen Weg der Rolling Stones. Besonders schräg geben sie sich auf einem Foto (1966) Jerry Schatzbergs: Sie sind als ältliche Damen verkleidet. Den Vogel schießt dabei Bill Wyman ab: Er posiert als Kriegsveteranin im Rollstuhl. Eine fröhliche Provokation sind auch die fast Aktaufnahmen, die David Montgomery 1971 von den Stones geschossen hat. Mick Jagger, Keith Richards und die anderen nackten Bandmitglieder bedecken ihren Unterkörper mit nichts anderem als dem berühmten Cover ihrer LP „Sticky Fingers“. Das wurde von Andy Warhol entworfen und zeigt die fotografische Wiedergabe einer Jeans mit echtem Reißverschluss.

Ohnehin ist harter Körpereinsatz das hervorstechende Leitmotiv der Rock-Bilder. David Redferns Foto (1972) zeigt den völlig entfesselten Little Richard, der sich während einer Rock'n'Roll-Show im Wembley Stadium die Glitzerklamotten vom Leib reißt. So was kann dem von Ross Haffin während eines Liveauftritts 2007 in Paris fotografierten Flea von den Red Hot Chili Peppers nicht passieren. Das Bühnenoutfit des sich ekstatisch mit seinem Instrument beschäftigenden Gitarristen beschränkt sich nämlich auf Unterhose, Socken und Turnschuhe.

Packende Bilder zeigen die Musiker und ihr Publikum. Aus der Vogelperspektive schauen wir dem von Denis O‘Regan bei seiner Welt-Tournee 1983 fotografierten David Bowie über die Schulter. Er steht im kanariengelben Anzug am Bühnenrand und dirigiert eine unüberschaubare Menschenmenge. Bombastisch fallen einer Fotografie (1980) von Lyn Goldsmith nach zu urteilen auch die Konzerte der Gruppe Kiss aus, deren unverwechselbares Markenzeichen aufgeschminkte Masken sind. Völlig abgewrackt wirkt hingegen der von Lyn Goldsmith 1978 bei einem Auftritt fotografierte Mick Jagger: Erschöpft stolpert er zwischen den vom Publikum zahlreich auf die Bühne gefeuerten Schuhen herum.

Ein von Betty Burke-Galella geschossenes Paparazzi-Foto (1981) zeigt, dass Musiker auch nur Menschen sind, denen nicht immer nach dem großen Starauftritt zumute ist: Mick Jagger stiehlt sich nach einem Konzert der Rolling Stones im Madison Square Garden in einen weißen Bademantel vermummt durch den Hinterausgang davon. Aber letztlich lassen sich Mick Jagger und seine Kollegen der dienstältesten Rockband der Welt nicht unterkriegen. Auf Mark Seligers Foto (2005) verziehen die vier älteren Herren ihre Gesichter zu etwas, das wohl als Grinsen zu verstehen ist. Die Gesichtszüge – besonders die von Keith Richards – sind tief zerfurcht. Dennoch haben die Rolling Stones offensichtlich den jahrzehntelangen Umgang mit Sex, Drugs and Rock'n'Roll einigermaßen unbeschadet verkraftet.

Bis 10.10.2010 im Museum Folkwang, Museumsplatz 1, Essen. Di.-So. 10-18 Uhr, Fr. 10-22.30 Uhr. Informationen: Tel.: 0201-889145000, Internet: http://www.museum-folkwang.de. Der Katalog aus der Edition Folkwang/Steidl kostet im Museum 30 Euro.

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