„Eszter Solymosi von Tiszaeszlár“: Stück über eine Keimzelle des Antisemitismus

Happy together in der Sackgasse

Eszter Solymosi (Johanna Bantzer) und Moritz Scharf (Martin Vischer): eigen und doch nicht rund.

Von Jörg WoratHANNOVER (Eig. Ber.) · Wer die neue Inszenierung auf der Cumberlandschen Bühne weiterempfehlen möchte, könnte auf Schwierigkeiten stoßen: Der Stücktitel „Eszter Solymosi von Tiszaeszlár“ geht nur schwer unfallfrei über hiesige Lippen. Es ist allerdings die Frage, ob viele Besucher der Uraufführung einen solchen Tipp überhaupt aussprechen wollen – die hier gepflegte Theaterästhetik wirkt jedenfalls gewöhnungsbedürftig.

Das Staatsschauspiel läutet mit dieser Produktion eine Art Weltreise ein, werden an dieser Spielstätte im Laufe der Saison doch immer wieder unterschiedliche Länder im Mittelpunkt stehen. Mit der Theaterfassung eines Romans von Gyula Krúdy startet die Tour im Ungarn der Jahre 1882/83, und der Stoff behandelt einen authentischen Fall: Bei der Suche nach dem verschwundenen Christenmädchen Eszter Solymosi gerieten Juden in den Verdacht, das Kind bei einem Blutritual umgebracht zu haben. Die Affäre entwickelte sich zum Politikum, und obwohl der Prozess mit dem Freispruch der Angeklagten endete, gelten die Ereignisse von Tiszaeszlár als wichtiges Element bei der Entwicklung des Antisemitismus in Europa.

In Hannover hat Regisseur Kornél Mundruczó versucht, dem schwierigen Stoff eine Form zu geben, und gelungen ist es ihm nur teilweise. Ohne Frage frappierend ist die hyperrealistische Ausstattung von Márton Agh: Die Darsteller in ihren Alltagskostümen stapfen durch knöcheltiefen Morast, die Scheune sieht aus, wie Scheunen eben aussehen, und selbst der Regen wirkt echt. Wenn es allerdings in Hausinnere geht, kommen Projektionen ins Spiel – immerhin hat sich der 35-jährige Mundruczó nicht zuletzt auch als Filmregisseur einen Namen gemacht.

Er lässt sich bei der Entwicklung der Geschichte manchmal schon fast unverschämt viel Zeit, um dann wiederum mit Brüchen aufzuwarten, wenn etwa zwei Akteure unvermittelt den alten „Turtles“-Hit „Happy Together“ anstimmen. Hier und da landet die Dramaturgie schlichtweg in der Sackgasse – Figuren mehrfach auf umständliche Art aus der Scheune und wieder hinein zu führen, ist als theatraler Vorgang uninteressant.

Dass es nur sehr sparsames Licht auf der Bühne gibt, hat seine Reize, wirkt aber mit der Zeit arg anstrengend. Im Dunklen bleibt streckenweise auch die Figurenzeichnung. So wird nie recht klar, was Johanna Bantzer, deren Rollenbeschreibung im Programmheft mit „Eszter Solymosi / Dämon“ angegeben ist, da eigentlich genau treibt. Demgegenüber kann Aljoscha Stadelmann als Gutsbesitzer Ónody auf sehr überzeugende Weise Brutalität und Mitgefühl vereinen. Auch Martin Vischer entwickelt in der Rolle des Moritz Scharf, der aus den jüdischen Traditionen ausbrechen will, Konturen.

In der zweiten Hälfte wird die Inszenierung pointierter, und sie überschreitet nicht die Geschmacksgrenze, spielt etwa die Misshandlungen der Juden nicht unnötig plakativ aus. Ein merkwürdiger Abend, sicherlich sehr eigen und doch nicht wirklich rund.

Das Stück wird, am Schauspielhaus in Hannover ungewöhnlich, en suite gespielt. Es ist nur noch vom 22. bis 26.9. zu sehen (Karten unter Tel. 0511 / 9999-1111). Die nächste Station der theatralen Reise wird „irgendwo in Westafrika“ sein: Dort spielt das Stück „Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès, das am 30. Oktober Premiere hat.

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