Hans Christoph Buch sticht in See und begegnet dabei Seefahrern wie Sindbad und dem Fliegenden Holländer

Auf den Geisterschiffen der Literaturgeschichte

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Bremen - Von Johannes Bruggaier. Von der Seefahrt, da war sich Kant sehr sicher, könnte die Kunst niemals Erbauliches erwarten. Wer wolle schon „die düstere tobende See erhaben nennen?“, fragte er mit erkennbar rhetorischem Gestus in seiner „Kritik der ästhetischen Urteilskraft“. Erhaben, das waren für den Aufklärer Kant antike Bauten, edle Skulpturen, nicht aber das Chaos einer ungezähmten Natur. - Von Johannes Bruggaier.

Wenig später sollten bildende Künstler wie Caspar David Friedrich und William Turner Schiffe durch turmhohe Wellen brechen lassen. Dichter entsandten ihre Helden auf abenteuerlichste Seefahrten. Und Komponisten wie Richard Wagner ließen verfluchte Kapitäne von „Meeres tiefstem Schlund“ singen, in welchen sie „voll Sehnsucht“ sich hinabstürzten.

Der unverhoffte Siegeszug der Schifffahrt mutet rückblickend wie die logische Folge einer sich ausbreitenden romantischen Weltsicht an. Eigentlich aber ist es schon seltsam, dass dem Zeitalter der Klassik mit seinem Hang zur Antike so gar nicht nach hoher See zumute war: Bildet nicht Homers „Odyssee“ den Urstoff eines jeden zünftigen Schifffahrtsabenteuers?

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch hat die Bedeutung des Schiffs für die europäische, insbesondere deutschsprachige Literaturgeschichte untersucht. Sein siebenteiliger Essayzyklus ist nun unter der Gattungsbezeichnung „Poetikvorlesung“ in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen: ein schmales Bändchen von etwas mehr als hundert Seiten, das aber manch interessante Facette eines bislang eher wenig beachteten Zweigs der deutschen Romantik offenlegt.

Buch zieht eine Linie von der „Odyssee“ über das Märchen vom „Sindbad“ dem Seefahrer bis zu Wilhelm Hauff, dessen „Gespensterschiff“ neben seiner vermuteten Verwandtschaft zu den Märchen aus tausendundeiner Nacht auch eine andere Legende als Vorlage zu nutzen scheint: die Sage vom Fliegenden Holländer, jener mystische Kapitän, der zur rastlosen Fahrt über die Meere verdammt ist. Grund des Fluchs sollen bekanntlich einige unbedachte Worte gewesen sein, die der verzweifelte Seemann bei seinem Versuch einer Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung gen Himmel ausgestoßen hatte. Je nach Überlieferung kann er immerhin auf Erlösung hoffen, etwa durch eine Jungfrau, die ihn wahrhaft liebt.

Man kennt diese Legende heute aus der Oper, Richard Wagners großes Musikdrama als Musterbeispiel romantischer Verschränkung von Natur und Märchen, von Mystik und Begehren. Kaum bekannt ist hingegen, dass sich bereits Heinrich Heine dieses Stoffes bedient hat, nämlich in seinem Fragment gebliebenen Roman „Schnabelewopski“. Wie von Heine nicht anders zu erwarten, erfährt die Sage eine ironische Brechung, Erlösung findet der Verfluchte weniger durch Jungfrauen als vielmehr durch das Meer, welches ihn vor dem drohenden Bund der Ehe bewahrt. Die Tragik wird zur Satire, der hehre Mythos mittels grandioser Sprachoriginalität in seine Einzelteile zerlegt. Heine erkannte, was Wagner nicht wahrhaben wollte: Wie viel Kitsch und Schund in dieser Sage steckt.

Überzeugend legt Buch dar, wie bei Wagner der musikalische Effekt die Mängel des Librettos kaschiert. Was auf dem Papier als Ausweis unfreiwilliger Komik erscheint, rührt das von der orchestralen Wucht ergriffene Opernpublikum zu Tränen. Nur einen nicht: Friedrich Nietzsche. Der Philosoph fügt Wagner die schlimmste denkbare Demütigung zu und verdammt den „Fliegenden Holländer“, um ausgerechnet „Carmen“ in den Himmel zu loben. George Bizet nämlich habe jenes komödiantische Element berücksichtigt, das Wagner fehle.

Ausgehend von Arnold Böcklins „Toteninsel“ und dessen Analyse durch Freud entwickelt Buch interessante Beziehungen zwischen Seefahrtsmotiven und Sexualität, ein Zusammenhang, der ebenso überraschend wie folgerichtig zu Thomas Manns „Tod in Venedig“ führt. Hier hätte sich auch ein Exkurs zu August Graf von Platen angeboten: jener einst für seine homosexuellen Neigungen verfemte Dichter (geoutet von Heine), dessen Thomas Mann in seiner Novelle unmissverständlich gedenkt – und zwar sicher nicht ganz zufällig bei einer Gondelfahrt seines Helden Gustav Aschenbach.

Mit einem kritischen Streifzug durch die neuere Literaturgeschichte, von Enzensbergers „Titanic“ über Grass‘ „Krebsgang“ bis zur Lyrik Christoph Meckels, beschließt Buch seine Betrachtungen. Dem Leser bleibt die Lust, auf eigene Faust weiterzusuchen nach Spuren von Geisterschiffen in der Literatur unserer Zeit.

Hans Christoph Buch: „Boat People – Literatur als Geisterschiff“, Frankfurter Verlagsanstalt: Frankfurt/M. 2014; 127 Seiten; 17,90 Euro.

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