Raus ins Licht

„Unorthodox“: Swantje Möller verhilft dem Staatsschauspiel zu einem großen Abend

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Weg damit: Susana Fernandes Genebra will ihre Klamotten loswerden. 

Hannover - Von Jörg Worat. Ganz eng bedruckt ist das Programmheft, unzählige Ge- und Verbote sind darin aufgelistet. „Dass ein Weib keine Männerkleidung trage“, steht dort zu lesen oder „Dass eine Frau, welche ihre Periode hat, unrein ist und auch andere verunreinigt“. Es sind die Regeln der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York - Deborah Feldman ist in dieser ultraorthodoxen Umgebung aufgewachsen, hat sie verlassen, lebt mittlerweile in Berlin und hat ein viel diskutiertes Buch geschrieben, das naheliegenderweise „Unorthodox“ heißt. Und dessen Theaterfassung jetzt auf der Cumberland-Bühne zur Premiere gekommen ist.

Die Ortsbezeichnung ist beim Staatsschauspiel bekanntlich mehrdeutig. In diesem Fall ist damit der geschlossene Raum in der obersten Etage gemeint, wo das Publikum zu beiden Seiten einer kleinen Bühne sitzt. Und einem großen Abend beiwohnt.

Denn Regisseurin Swantje Möller ist ein Spagat gelungen: Ein schwerer Stoff kommt hier leicht daher, Tiefernstes wird mit einer gewissen Heiterkeit dargeboten, die aber nicht die Grenze zum Geschmacklosen überschreitet. Schon die Idee, die Texte auf zwei Schauspielerinnen zu verteilen, zündet: Lena Sophie Vix ist dabei so etwas wie eine jüngere Version von Susana Fernandes Genebra, die allerdings selbst auch sehr mädchenhaft wirken kann. Das Duo changiert zwischen Spiel und Erzählung, mal ergänzen sich die beiden, mal bilden sie Harmonien aus und mal Kontrapunkte. Was könnte besser den inneren Konflikt beschreiben, dem Deborah Feldman ausgesetzt war?

So kann man zunächst eintauchen in eine für hiesige Augen und Ohren höchst befremdliche Welt. In der Jiddisch gesprochen wird, das Wort „College“ in den Schulbüchern nur geschwärzt auftaucht, die Auswahl des Bräutigams ohne Mitsprache der Braut stattfindet. Die Farbe Rot in der Kleidung ist verboten, überhaupt: die Kleidung - wie wild zerren die beiden auf der Bühne an ihren tristen Klamotten, als habe jemand Juckpulver hineingeschüttet.

Der Weg in die Freiheit beginnt. Die junge Frau besorgt sich heimlich weltliche Literatur (verboten), vertieft ihre Englischkenntnisse (verboten) und hinterfragt die eingangs erwähnte Wahl des Bräutigams (verboten). Endgültige Verwirrung tritt ein, als die rätselhafte Welt der Sexualität ins Spiel kommt - Worte wie „Penis“ oder „Vagina“ werden dann ausgesprochen, als handele es sich um die Namen von Planeten aus weit entfernten Galaxien. So ungefähr ahnt die Braut, was von ihr im Ehebett erwartet wird, reagiert aber prompt mit psychosomatischer Verkrampfung. Ja, es ist ein langer Weg, bis die Protagonistin irgendwann in einem Jeans-Laden stehen und schließlich einen Blog starten wird.

Es gibt mehrere Spielinseln. Die spektakulärste ist ein großer Aufbau an der Stirnseite, der den Schauplatz des rituellen Bades bildet, mit seiner Mauerstruktur aber auch an ein Gefängnis erinnert, durch die Konstruktion wiederum an eine Mischung aus Hamster- und Rhönrad. Dazu gibt es eine kleinere Extrabühne, unter die bezeichnenderweise Bücher geschoben sind und auf der die Koch- und Backkünste der Großmutter beschrieben werden - passend dazu erscheinen dann tatsächlich Waffeln und andere Leckereien; fast ein bisschen fies, wenn man als Besucher, der zufälligerweise direkt davor sitzt, nicht zugreifen darf.

Dafür bekommen alle etwas zu hören und zwar Außergewöhnliches. Als Dritte im Bunde steuert Martina Lenzin live einen Soundtrack aus Stimme und Geräuschen bei - sehr atmosphärisch, sehr eigenständig, aber im Schnitt zu laut: Ein-, zweimal führt ein schockartiger Einsatz dazu, dass sich manche Besucher die Ohren zuhalten, was nie ein gutes Zeichen ist, und ansonsten könnte zumindest punktuell ein Herunterpegeln subliminaler und damit effektiver wirken.

Am Schluss verlässt eine Darstellerin den Raum in die Freiheit, die andere singt hoch oben auf dem Rad sitzend: „I was born a stranger and a stranger I will die ...” Und dann gibt es, völlig zu Recht, einen Monsterapplaus.

Weitere Termine:

Morgen, 8., 17. und 27. Februar, jeweils um 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne.

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