Das „Theater fensterzurstadt“ lädt ins Ministerium für Einsamkeit

Corona-konformer Besuch

Eine Zeichnung eines hohen Hauses mit verschiedenen Zimmern.
+
In jedem Raum etwas Neues zu Franz Kafka: So sieht das „Ministerium für Einsamkeit“ aus.

Kulturelle Angebote zum Mitmachen gibt es viele in diesen Tagen - auch in Hannover. Ein ganz besonderes ist dabei das Projekt „Kafka. Off. Bureau“ der freien Theatergruppe „Theater fensterzurstadt“.

  • Ein virtueller Treffpunkt zum Austausch.
  • Franz Kafka steht im Mittelpunkt.
  • Blick auf die Einsamkeit in Corona-Zeiten.

Hannover – Ein Haus, in dem man Kultur erleben und andere Menschen treffen kann? Das gibt es auch unter Corona-Bedingungen. Es ist das „Ministerium für Einsamkeit“, und das „Theater fensterzurstadt“, eine der renommiertesten und experimentierfreudigsten freien Gruppen Hannovers, hat es online eröffnet. Das Besondere: Das Projekt „Kafka. Off. Bureau“ ist nicht nur zum Anschauen, sondern auch zum Mitmachen da – eine interaktive Angelegenheit.

Wer den Button „K.O.B“ auf der Internetseite anklickt und das Auftakt-Video startet, wird zu fetzigen Bass-Grooves eingeladen, das mit Kreide skizzierte Ministerium zu betreten und viele kleine Türen zu öffnen. Da auch im Internet alles ordnungsgemäß vonstattengehen soll, gibt es am virtuellen Empfang einen Hinweis, sich doch bitte zunächst sorgfältig die Hände zu reinigen, und hinter der „WC“-Tür findet man passende Kurzfilme von Waschbecken.

Alles dreht sich um Franz Kafka

Dann geht es nach Lust und Laune quer durch das Haus, und das große Thema ist im Titel benannt: Alles dreht sich um Franz Kafka, dies allerdings in unterschiedlichster Manier, wobei typische Motive wie der Käfer oder der Türhüter eher unaufdringlich eingebunden sind. Das „Schlaflabor“ bebildert Traumtexte des Dichters, in der Kantine weist der Speiseplan durchweg Nahrungsmittel auf, die mit „K“ beginnen. Reizvoll auch der „Wartesaal“, wo eine verfremdete Filmsequenz Kafkas Zitat von der „Hauptsünde“ der Ungeduld illustriert.

Und der „Befragungsraum“ zeigt in kleinen Videos, was Menschen von Kafka halten – die Auswahl umfasst Künstlerkollegen, aber auch den hannoverschen Gastronomen Ralf Schnoor, der einst bei der Quizshow „Wer wird Millionär?” den Hauptgewinn einfuhr. Die Bandbreite der Statements ist auffallend groß: Mal heißt es „bisschen duster“, mal gibt es einen Hinweis auf den Humor, „den viele gar nicht sehen“, und mal wird dem Dichter trotz „Frauenproblem und Vaterkomplex“ beschieden, „sehr geile Sachen“ geschrieben zu haben. Ein interessanter Effekt tritt ein, wenn man mehrere Filme zugleich anklickt und im Stimmengewirr einzelne Stichworte hervortreten.

Die Startseite zum interaktiven Projekt.

„Auch wir in der Gruppe sehen Kafka unterschiedlich“, sagt Carsten Hentrich vom, „fensterzurstadt“-Produktionsteam, der sich selbst unter den Fans einordnet. Das Thema Einsamkeit, mit dem der Schriftsteller tatsächlich oft primär in Verbindung gebracht wird, hat die Theaterleute schon vor Corona länger beschäftigt: „Das ist allgemein ein gesellschaftliches Phänomen, wenn es beispielsweise immer mehr Single-Haushalte gibt.“ Bezeichnenderweise stand beim vorangegangenen Projekt „Die Unberührbaren“ das Thema Asexualität im Mittelpunkt: „Immer öfter gilt die letzte oder auch erste Berührung des Tages nicht dem Körper des Lebenspartners, sondern dem Touchscreen des Smartphones“, ließ die Gruppe in der entsprechenden Stückbeschreibung verlauten.

Durch die Pandemie hat sich die Situation im Sachen Vereinsamung/Vereinzelung vor allem für die Künstlerszene dramatisch zugespitzt: „Theater lebt ja gerade davon, dass Menschen zusammenkommen“, betont Hentrich. Eigentlich hatte man im Sommer ein anderes Projekt geplant, das live aufgeführt werden und „Kafka. Off. Beat“ heißen sollte: „Da wollten wir uns dem Thema vor allem mit Musik annähern.“ Aber zurzeit ist eben kreatives Umdenken gefragt, und so kam der originelle Häuserbau im Netz zustande, bei dem Musik übrigens durchaus auch eine Rolle spielt.

Gähnende Leere auf dem Dachboden

Und er ist noch nicht beendet, denn der Dachboden weist aktuell noch gähnende Leere auf. „Dort werden wir vielleicht Links zu Projekten von anderen Gruppen hineinstellen“, erläutert Hentrich. „Wir sind aber auch sehr an Anregungen von außen interessiert.“ Daher gibt es eine offizielle Telefonnummer des „Bureaus“: Wer bei der Einrichtung helfen will, möge sich unter 0511 / 2133135 melden.

Eine geschickte Volte, wird durch eine solche Aufforderung zur Mitarbeit doch das „Ministerium der Einsamkeit“ zum Mittel, eben diese zu bekämpfen. Zudem erfüllte das „Theater fensterzurstadt“ so passgenau die Bedingungen beim „Reload-Stipendium“, mit dem die Kulturstiftung des Bundes 230 freie Gruppen im vergangenen Jahr mit jeweils 25 000 Euro unterstützte: „Welche neuen Formen gemeinsamer künstlerischer Arbeit und Präsentation eröffnen sich“, hieß es in der damaligen Ausschreibung, „wenn das physische Zusammenkommen – lokal und international – absehbar schwieriger sein wird?“

Mitmachen

Das Ministerium findet sich unter fensterzurstadt.de

Von Jörg Worat

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