Die Kestner-Gesellschaft geht in die Ausstellungsoffensive

Erstaunlich selbst für Insider

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Warten auf ein Erdbeben: Gerrit Frohne-Brinkmanns Steinzeitmännchen.

Hannover - Von Jörg Worat. Wer einen Besuch der Kestnergesellschaft in Hannover plant, sollte aktuell besonders viel Zeit mitbringen. Denn hier laufen gerade nicht weniger als vier Ausstellungen.

Die oberen Ausstellungshallen gehören der Berliner Fotografin Annette Kelm. Das ist gleich ein Kosmos für sich, denn auf ein bestimmtes Genre mag Kelm sich nicht festlegen. Selbst das Porträt der Künstlerkollegin Lucie Stahl ist mehr als ein solches – die Lamellen des farbigen Rollladens im Vordergrund bilden so etwas wie ein abstraktes Muster, und die vier Bilder der Serie sind bei genauem Hinschauen entgegen dem ersten Eindruck keineswegs identisch.

Alberto Garutti: Zeitungsseite als Konzeptkunst. 

Es gibt auch Architekturfotografie, ganz besonderen Eindruck hinterlassen indes die eigenartigen Stillleben. Die können sehr reduziert sein und trotzdem irritieren, wenn etwa große Pflanzenblätter mit einer Konstruktion kombiniert werden, die aussieht wie eine Apparatur zur physikalischen Forschung – tatsächlich ist es auch eine, nur würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, dass es sich um einen Geräuscherzeuger handelt, nämlich die Helmholtz-Doppelsirene. Lustvoll schmuggelt Kelm auch schon mal einen banalen Pizzakarton in ihre gleichwohl stets stilvollen Tableaus oder verweist mit der Abbildung eines Kameraobjektivs auf ihr eigenes Tätigkeitsfeld.

Szenenwechsel: In der unteren Etage sind ein Dutzend Positionen versammelt. Sie stammen von jungen norddeutschen Künstlern, ausgesucht für das an stets wechselnden Orten ausgerichtete Stipendium der Schweizer Stiftung Vordemberge-Gildewart. Es ist mit der Auslobung eines Preises in Höhe von beachtlichen 60. 000 Franken gekoppelt. Gewonnen hat ihn diesmal die Hamburgerin Annika Kahrs, deren hiesige Arbeiten auf die eine oder andere Art das Thema Wasser spiegeln: Drei sympathisch flüchtige Grundriss-Zeichnungen sind mit Seemännern in Bremerhaven entstanden, und ein Film zeigt Billardkugeln, die wie von Geisterhand bewegt über den Tisch rollen – so sieht es halt aus, wenn sich das Spielgerät auf einem Schiff befindet.

Gerrit Frohne-Brinkmann zeigt uns sehr plastisch zwei unbekleidete Steinzeitmänner, die mit einem Erdbeben-Simulator gekoppelt sind, so dass unvermittelt ein Höllenlärm losbrechen kann. Schön anzusehen sind die aneinander geschmiegten Glasflaschen von Katja Aufleger; anders wird dem Betrachter jedoch zumute, wenn er erfährt, dass die Gefäße Chemikalien enthalten, die bei Vermischung eine Explosion auslösen würden.

Auch die Bremerin Claudia Piepenbrock ist vertreten; ihre Rauminstallation oder besser -definition ist wenig aufregend, was man indes durchaus auch als Qualität verstehen kann.

In einer wunderbaren Kabinettausstellung wird der Namensgeber des Stipendiums gewürdigt: Friedrich Vordemberge-Gildewart hat zwischen 1924 und 1934 für die Kestnergesellschaft grafische Aufträge wie die Gestaltung von Plakaten oder Katalogen erledigt und auch vor Ort gewohnt – selbst Insider dürften erstaunt sein, wie ausgeprägt sein Wirken in Hannover gewesen ist.

Abgerundet wird das Ausstellungs-Quartett, das bis zum 7. Mai zu sehen ist, durch eine Arbeit des Italieners Alberto Garutti, die wohl vor allem etwas für Fans von Konzeptkunst ist und aus einer schlichten Reihung immer derselben Zeitungsseite besteht. Im vergangenen Herbst veröffentlichte der Künstler in einem großen hannoverschen Blatt eine Art Anzeige mit der Aufschrift „dieses werk ist jedem gewidmet, der jetzt den blick nach oben richtet und schaut“. Das Flüchtige des Ansatzes hat die Kestnergesellschaft dann ausgekontert, indem die Leser, mit einigem Erfolg, aufgefordert wurden, die betreffende Seite nicht zu entsorgen, sondern ins Ausstellungshaus zu bringen.

Sämtliche Ausstellungen laufen bis zum 7. Mai.

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