„Hand anlegen“: Neue Schwankhallen-Leitung stellt Programm vor

Unter der Mäusehaut

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Sie freut sich nicht so recht auf die neue Spielzeit in der Bremer Schwankhalle: Hendrik Quasts Produktion „Mohrle“ ist eher was für Katzen.

Bremen - Von Mareike Bannasch. Zum Anfang gibt‘s natürlich auch einen Anfang, der eigentlich Ende heißt, obwohl – hach, ist das alles kompliziert – von der Schöpfung spricht. „She She Pop“, ein Berliner Performance-Kollektiv, erzählt in sieben Szenen die Schöpfungsgeschichte. Was das mit dem Ende zu tun hat? Nun ja, das Programmheft erklärt es so: Nur am Ende scheint etwas Anderes und damit auch Neues möglich. Und da ist er dann auch, der Bezug zur Schwankhalle. Zu all den Neustarts, die andere Blickwinkel fernab vom Bremer Klüngel versprachen und am Ende doch wieder verpufften. Jetzt aber soll alles anders werden, versprechen zumindest die neue künstlerische Leiterin Pirkko Husemann und Kurator Florian Ackermann.

Gestern Vormittag stellten die beiden das Programm für die ersten Monate der kommenden Spielzeit vor und gaben dabei einen Ausblick auf das, was sie aus dem Haus im Buntentorviertel machen wollen: eine Spielstätte, die ihren Fokus auf künstlerische Forschung und Fortbildung setzen will. Einfacher formuliert möchte das Team der Schwankhalle in Zukunft Freiräume für künstlerische Entwicklung schaffen – und zwar ohne Eigenproduktionen. Diese sind zunächst nicht im Programm finden, das nun thematisch strukturiert daherkommt.

Doch nicht nur das, es soll auch darum gehen, die Möglichkeiten der freien Szene in der Hansestadt zu verbessern, sei es mit Hilfe inhaltlicher Beratung oder passenden Proberäumen. Ein erster Baustein sind die Residenzen, die Raum, Zeit und Aufmerksamkeit zum Entwickeln eigener Projekte bieten, sowohl für lokale als auch auswärtige Künstler. Einmal angenommen steht ihnen nicht nur eine Probemöglichkeit zur Verfügung, auch zwei Gästewohnungen zählen zum Angebot. „Wir haben hier sehr gute strukturelle Gegebenheiten, die nicht selbstverständlich sind“, betont Florian Ackermann, der bislang in Frankfurt tätig war und nun als Kurator das Programm mit verantwortet. Auch wenn die Residenzen noch weiter ausgebaut und irgendwann auch ausgeschrieben werden sollen, gibt es bereits erste Künstler wie Tina Havers und Christoph Ogiermann, die in seinen Genuss kommen.

Während sich im Bereich der Förderung also noch einiges weiterentwickelt, steht zumindest ein Aspekt bereits auf sicheren Füßen: Das Festival „Hand anlegen“, das am 12. September beginnt. Ausgehend von den momentan allgegenwärtigen „Do it yourself“-Aufforderungen, die den Nährboden für youtube-Videos und Schlangen im Baumarkt bilden, suchen die eingeladenen Künstler nach ihren eigenen handwerklichen Fähigkeiten – mit Ergebnissen, die auch für die eine oder andere Diskussion sorgen werden. „Wir haben bewusst streitbare Produktionen ausgewählt“, erklärt Pirrko Husemann, die bisher unter anderem im Hebbel am Ufer in Berlin tätig war. Sie vermutet in Bremen ein Publikum, das sich auch mit sperrigen Themen auseinander setzen möchte. „Da hat unsere ‚Mutter‘, das Bremer Theater, uns bereits den Boden bereitet.“

Ob dem tatsächlich so ist, zeigt sich vielleicht schon am 22. September, in Hendrik Quasts „Mohrle“. Hier geht es allerdings nicht um ein niedliches, kleines Kätzchen, sondern um seine Leibspeise: Mäuse. Eine tote Maus spielt die Hauptrolle des Abends, wird auf der Bühne gehäutet und schließlich ausgestopft – während Quast Gassenhauer aus Andrew-Llyod-Webbers Musical „Cats“ schmettert. Dem ein oder anderen Tierfreund dreht sich vermutlich schon jetzt der Magen um, und doch ist das noch nicht alles. Wesentlich mehr Entrüstung verspricht im Dezember das Theaterkollektiv „Markus&Markus“ mit seinem Stück Gespenster, in dem es die assistierte Sterbehilfe thematisiert. Allerdings nicht nur in rein abstrakter Form, die Künstler haben einen Todkranken in seinen letzten Monaten begleitet, zeigen Videoausschnitte aus diesen Treffen und stoßen mitten hinein in einen gesellschaftlichen Diskurs der mit harten Bandagen nach dem Wert eines Menschen sucht und nach dem, der entscheidet, wann alles zu Ende ist.

Seichte Themen sucht man in der ersten Spielzeit also vergeblich, stattdessen scheint sich die neue Leitung mit ihrem postdramatischen Schwerpunkt stärker positionieren zu wollen. Auch auf die Gefahr hin, dass einige Veränderungen nicht bei allen Besuchern ankommen. So hatte es im Vorfeld bereits erhebliche Diskussionen um die Zukunft von „steptext“ und „tanzbar_bremen“ gegeben, die aber mit einem Kompromiss für beide Seiten endeten. Das „steptext dance project“ wird es auch weiterhin geben und zwar als autonomen Veranstalter, der das Haus bespielt. Eine Art „Tanz-Tanz“ sozusagen, der aus Veranstaltungen beider Teams besteht.

Hatte Pirkko Husemann für alle Tanzbegeisterten also gute Nachrichten im Gepäck, gab es eine klare Absage in Richtung Deputation. Deren Vertreter sowie viele andere Gruppen hatten in den vergangen Wochen vermehrt für das „Pay as you wish“-Prinzip des Hauses geworben, bei dem jeder Besucher selbst entscheidet, was er zahlt. Trotzdem gibt es ab sofort ein einheitliches Bezahlsystem und zwar aus einem einfachen Grund: „Ich möchte mit keinem Zuschauer die Debatte über den Wert der Kunst führen“, sagt Husemann und hat dabei besonders den Neustart im Auge, der vielleicht nicht immer das versprechen werde, was die Zuschauer erwarten. Dennoch habe man ein günstiges Preissystem entwickelt – damit auch alle die Möglichkeit haben, sich ein Bild vom neuen Konzept zu machen.

Weitere Infos ab 24. August unter www.schwankhalle.de

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