Jette Steckel zeigt Shakespeares Klassiker am Hamburger Thalia-Theater

Hamlet gibt sich die Kugel

Kann Hamlet ein „Nein“ akzeptieren? Der Dänenprinz (Mirco Kreibich) und Ophelia (Marie Jung) lieben sich offenbar (oben). Aber Ophelias Kleid lässt Zweifel übrig (unten im Bild mit Claudius (Bernd Grawert)). Foto: Armin Smailovic

Hamburg - Von Rolf Stein. Hamlet, das alte Schlachtross? Was soll da noch kommen? Jette Steckel hat für das Thalia-Theater eine neue Inszenierung ersonnen, die gleich zu Beginn überrascht: Im Foyer wuseln Bedienstete mit Tabletts voller Sektgläser umher, die Luft flirrt, zwei ulkige Vögel (Rosenkrantz und Guildenstern) wuseln durchs Publikum und filmen live für die Großbildleinwand. Hier muss gleich was passieren. Und tatsächlich: König Claudius tritt vor und verkündet bessere Zeiten. Von nun an, nämlich unter seiner Regentschaft, werde endlich im Dienste des Volks regiert!

Dass Claudius (geradezu sensationell: Bernd Grawert) den Dänen diesen Liebesdienst erweisen kann, verdankt er seiner neuen Gemahlin, Königin Gertrud, deren Mann erst kürzlich gestorben ist. Jegliches potentielle Machtvakuum ist somit schnell gestopft. Nur Prinz Hamlet ist nicht glücklich. Er hält Claudius für schuldig, Hamlets Vater ermordet zu haben. Er droht, die Party zu sprengen, lenkt aber ein – zum Schein.

Zur Hochzeit schenkt er dem glücklichen Paar eine Theateraufführung. Und damit endet das Spiel mit dem Theater im Theater im Theater noch lange nicht. Dies scheint der inszenatorische Leitgedanke des Abends zu sein, der ansonsten vor allem auf Mirco Kreibich als Hamlet setzt. Im Laufe von dreieinhalb Stunden hat er reichlich Gelegenheit, zu toben, zu wüten, zu tänzeln, zu ringen, zu spotten, zu zweifeln und zu verzweifeln – und sich schließlich sogar recht gewaltvoll Ophelia zu nähern. Das umfangreiche Material dafür kommt nicht nur von Shakespeare (Übersetzung: Frank-Patrick Steckel), sondern auch aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“.

Dabei wird, je länger der Abend geht (und er ist wirklich ganz schön lang!), immer undeutlicher, worum es eigentlich geht. Nach der effektvollen Eingangsszene wird im Theatersaal weitergespielt. Theater im Theater. Claudius und Gertrud (Barbara Nüsse) thronen über dem Volk und erwarten das Schauspiel, in dem sie in Nicki von Tempelhoff (Schauspiel-König) und Sandra Flubacher (Schauspiel-Königin) ihre Spiegelbilder sehen sollen.

Dominiert wird die Bühne (Florian Lösche) von einer riesigen schwarzen Kugel, die immer wieder droht, ins Publikum zu rollen. Ein tolles Bild und die vergrößerte Version der Maske, die Prinz Hamlet im Vorspiel im Foyer trägt. Vielleicht ist dieser schwarze Ballon ein Symbol dafür, wie Hamlet um sich selbst kreist? Jedenfalls ist er nicht einfach nur ein verzweifelter junger Mann. Er kann mit seinem tugendhaften Furor ganz schön anstrengend sein, oder sagt man beim „Hamlet“ eher: auf den Geist gehen? Den, nämlich den seines Vaters, übernimmt Kreibich immerhin auch noch.

Was dann ein wenig zu Lasten des ansonsten überwiegend ganz famosen Ensembles geht. Barbara Nüsse als Gertrud! Karin Neuhäuser als Polonius! Marie Jung als Ophelia! Und das Schauspielkönigspaar aus Sandra Flubacher und Nicki von Tempelhoff, der sich von Hamlet in einer ganz wunderbaren Szene herumdirigieren lassen muss! Sie alle sorgen mit dafür, dass man in diesem „Hamlet“ immer wieder gern sitzt, auch wenn am Ende nicht nur Schweigen ist, sondern auch eine gewisse Ratlosigkeit herrscht.

In Bremen spielt Kreibich übrigens bald den Mauler in Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Regie von Alize Zandwijk.

Die nächsten Termine

Samstag, 18 Uhr, Freitag, 7. Februar, 19.30 Uhr, Sonntag, 16. Februar, 19 Uhr, Montag, 24. Februar, 19.30 Uhr, Donnerstag, 27. Februar, 19.30 Uhr, 4. März, 19.30 Uhr, 14. März, 15 Uhr, 25., März, 19.30 Uhr, 12. April, 15 Uhr, 15. April, 19.30 Uhr, Thalia-Theater, Hamburg.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

USA raten zum Tragen von Masken - Trump will nicht

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Politik appelliert: Anti-Corona-Maßnahmen einhalten

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Erfolgsgeschichte: Mit dem Octavia begann Skodas Aufstieg

Der Blauregen hat viel Kraft

Der Blauregen hat viel Kraft

Meistgelesene Artikel

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Ulrich Mokrusch über Schließung wegen Corona: „Eine traumatische Erfahrung“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Yung Kafa und Kücük Efendi: Die neuen Sterne am deutschen Rap-Kosmos - So gut ist ihr Mixtape „Dickicht“

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Antenne Bayern und Bayern 3 verlieren viele Hörer - anderer BR-Sender gewinnt

Kommentare