„Theaterpredigt“ in Bremer Stephani-Kirche

Hamlet geistig und geistlich

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Alexander Riemenschneider.

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die Tageszeitung „Die Welt“ hat einmal ihre Feuilletonisten auf eine heikle Mission geschickt. „Das Wort vom Sonntag“ lautete die zeitweilige Rezensionsreihe, und ihr Gegenstand waren weder Konzerte noch Theaterpremieren.

Es ging vielmehr um die Qualität einer allsonntäglich überall in Deutschland erbrachten Leistung: Predigten. Die Kritiker besuchten Kirchen in Städten und auf dem Land. Das Ergebnis, es fiel alles in allem ernüchternd aus.

Seit einigen Jahren wirbt nun die Bremer Kulturkirche St. Stephani mit einem ganz eigenen Konzept um erkenntnishungrige Gläubige. „Theaterpredigt“ heißt das Format, und allein die Ankündigung, dass es eine kritische Betrachtung aktueller Produktionen des Bremer Theaters anstrebt, lässt auf eine sinnstiftende Erfahrung hoffen.

Am Sonntagabend stand nun Alexander Riemenschneiders „Hamlet“-Inszenierung auf dem Programm. Anwesend war der Regisseur selbst, für die theologische Einordnung stand ihm Pastor Helmut Langel zur Seite. Die „Predigt“ sollte sich als Gespräch erweisen, über Shakespeares Text, Riemenschneiders Rezeption und nicht zuletzt seine szenische Umsetzung am Goetheplatz.

Dabei ging es zunächst ganz und gar nicht um eine spezifisch christliche Dimension. Hamlet, als Beispiel für das Bewusstsein, den Ansprüchen anderer niemals genügen zu können, sein Bühnenschicksal als doppeldeutiges Spiel mit Tod und Theater: Riemenschneiders solcherart formulierten Ausführungen zu seiner Regiearbeit schienen mehr auf gesellschaftspolitische und ästhetische Aspekte abzuzielen.

Doch dann brachte Pastor Langel eigenartige Widersprüche im Verhalten der Hauptfigur zur Sprache. Hamlets nihilistisches Weltbild etwa, wie es sich in seiner nüchternen Beschreibung des Naturkreislaufs zeigt: „So kann man mit dem Wurme fischen, der von einem (verstorbenen) König fraß, und wieder von dem Fische essen, der den Wurm verzehrte.“ Am Ende kommt es, dass selbst ein König „seinen Weg durch die Gedärme eines Bettlers nehmen muss.“ Wie, fragte Langel, passe diese zur Schau gestellte Nüchternheit zu Jenseits-Überlegungen an anderer Stelle? Etwa zu Hamlets Skrupeln, seinen Gegner Claudius ausgerechnet nach dem Gebet zu töten?

Riemenschneider erklärte den Widerspruch mit einer verbreiteten Verhaltensspaltung: einem verbal bekundeten Atheismus, dem im praktischen Handeln ein Bewusstsein um die religiösen Spielregeln der Gesellschaft gegenüberstehe. Hamlet erkenne, dass es schwer ist, an etwas zu glauben – aber zugleich ebenso schwer, an etwas nicht zu glauben.

Im anschließenden Publikumsgespräch war dann jede Wortmeldung willkommen. Textunkundige durften sich ebenso glaubhaft zur Diskussion eingeladen fühlen wie enttäuschte Besucher der Inszenierung. Es entstand ein kurzer, aber intellektuell ansprechender Austausch fernab jeder Fachbegrifflichkeiten und Expertenallüren, ein geradezu beglückendes Erlebnis geistig-geistlicher Gesprächskultur.

Eine knappe Stunde dauerte es, dann waren die letzten Sätze dieser „Predigt“ auch schon gesprochen. Einen Besuch war sie in jeder Minute wert.

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