INTERVIEW Matthias Koch veröffentlicht neue Musik aus Iran

„Im Flugzeug wurde mir mulmig“

Sechs Männer befinden sich in einem Tonstudio hinter einer Glasscheibe.
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Ein Blick in den Aufnahmeprozess zum Album „RAAZ“ von Bamdad Afshar und Hooshyar Khayam.

„Finest sounds from Iran!“ unter die Menschen zu bringen hat sich das Label 30M Records auf die Fahnen geschrieben. Der Hamburger Matthias Koch hat die Plattenfirma vor etwas mehr als einem Jahr gegründet. Im Interview spricht er über Probleme, Wagemut und die iranische Musiktradition.

  • Hamburger veröffentlicht Musik aus dem Iran.
  • Traditionelle Instrumente treffen auf elektrische Elemente.
  • Album von Bamdad Afshar und Hooshyar Khayam nun erhältlich.

Syke – Es gehört ohnehin schon einiges dazu, in Zeiten von Online-Streaming ein Plattenlabel zu gründen, so richtig mit Veröffentlichungen auf Vinyl und – ironischerweise beinahe noch anachronistischer – auf CD. Obendrein mit Musik von Künstlern, die hierzulande wirklich niemand kennt. Wenn dann noch eine globale Pandemie dazukommt, scheint das Desaster perfekt.

Matthias Koch, in Bremen aufgewachsen und in Hamburg lebend, ficht das nicht an, auch wenn er natürlich mit den Folgen leben muss. Seine vor etwas mehr als einem Jahr gegründete Plattenfirma 30M Records hat sich die „Finest sounds from Iran!“ auf die Fahnen geschrieben. Der Kreiszeitung erzählt er, wie es dazu kam und wie es funktioniert, neue Musik aus einem Land herauszubringen, das in westlichen Nachrichten immer wieder in Zusammenhang mit islamistischem Terror und seinem Atomprogramm Schlagzeilen macht.

Herr Koch, Sie haben mitten in der Pandemie ein neues Plattenlabel für Musik aus dem Iran gegründet. Ist das nicht ein bisschen wagemutig?

Darüber habe ich eigentlich nicht nachgedacht. Der Zeitpunkt, an dem so weit alles fertig war, fiel dann in diese Zeit. Die Idee hatte sich im Laufe vieler Reisen nach Iran entwickelt und Ende 2019 konkretisiert. Ab da habe ich die Planung begonnen und organisiert, was man so braucht, wie einen Labelcode zu beantragen. Bis die Musik dann hier war, war es Frühjahr 2020, und das war dann der Starttermin.

Sind Sie damals in den Iran gereist, um Musik zu finden, die Sie veröffentlichen konnten?

Nein, die Idee ist aus den Reisen entstanden. Die Erste war 2015, nachdem der Atom-Deal mit dem Iran unterzeichnet war. Die Sanktionen waren zum Teil aufgehoben, im Land gab es eine positive Stimmung, in den hiesigen Feuilletons wurde viel über iranische Kunst und Kultur geschrieben, es gab viele Reisereportagen. Ich hatte mich vorher mit dem Land nicht groß beschäftigt und hatte dann die Idee, mir das anzugucken. Ganz naiv. Die Idee fühlte sich neu und herausfordernd an, die Planung hat viel Spaß gemacht. Im Flugzeug wurde mir dann ein bisschen mulmig. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen mit Bildern vom Iran, die man nicht unbedingt selbst erleben wollte.

Matthias Koch will neue Musik aus dem Iran in den Rest der Welt bringen.

Wie sind Sie auf die Musik gekommen, die Sie dazu inspiriert hat, sich professionell damit zu beschäftigen?

Das hat auf verschiedenen Ebenen stattgefunden. Im klapprigen Taxi vom Flughafen in die Stadt lief religiöse Musik, die für mich völlig neu war. Ich bin dann im Zug, mit Bussen und Sammeltaxis durchs Land gereist und habe dabei junge Leute kennengelernt, die mir erzählt haben, was sie so hören. In einem winzigen Dorf saß ich in einem Café und der Mann hinterm Tresen fragte mich, ob mich Musik stören würde. Der hat dann Nils Frahm angemacht, also Klaviermusik mit Elektronik. Ich fragte ihn überrascht, wo er das herhabe, und er erwiderte: „Hallo, wir haben Internet!“ So setzte sich das fort. Das waren Puzzleteilchen, die sich zusammensetzten. Es gab dann die Idee, dass ich Kontakte herstellen könnte, um dort Konzerte zu veranstalten. Ende 2016 ging mein damaliger Arbeitgeber pleite, ein französisches Label, da hatte ich Zeit und bin für einen Sprachkurs nach Teheran gereist. Dort begegnete ich einem Musiker aus Berlin, der mich zu einer Party einlud. So ergab sich eins nach dem anderen. Ich lernte Instrumente kennen, die ich noch nie gesehen hatte. Insgesamt habe ich inzwischen elf Reisen in das Land gemacht.

Und wie kamen Sie auf die Künstler Bamdad Afshar und Hooshyar Khayam, von denen „RAAZ“, die erste Veröffentlichung Ihres Labels, ist?

Ein Bekannter in Teheran, mit dem ich inzwischen gut befreundet bin, hat mir die beiden 2019 vorgestellt. Vorher hatten mir auch schon Leute ihre Sachen vorgespielt, das war meistens Jazz oder Bluesrock, ein bisschen iranisch angehaucht, aber nichts, was man nicht schon kennen würde. Ich wollte etwas Neues entdecken, Musik von dort, mit Schnittmengen zu moderner Musik. Die beiden hatten das Album schon fast fertig aufgenommen. Ich fand es ganz fantastisch mit seiner Kombination aus traditionellen Instrumenten und elektronischen Elementen. Da wurde schnell klar, dass das die erste Veröffentlichung auf dem Label wird.

Gibt es denn eher wenig moderne Musik dort – oder ist sie nur schwer zu finden?

Wenig würde ich nicht sagen. Aber Dinge wie Hip-Hop oder Heavy Metal haben es aus politischen Gründen dort sehr schwer. Das gilt als dekadent, zersetzend oder zu freizügig. Ich habe einiges an experimenteller elektronischer Musik kennengelernt, zum Teil sehr krasses Zeug, auch mit Lautstärken, die man hier nicht mehr durchkriegen würde, aber mit Spielgenehmigung, die dort jeder Musiker braucht, der auftreten will.

Was wäre mit dem Album denn passiert, wenn Sie nicht gekommen wären?

Die hätten das selbst veröffentlicht, aber es wäre nicht in die Welt hinausgegangen.

Westliche Musik kommt also ins Land, aber iranische Musik nur schwer heraus?

Das Land hat eine sehr alte Tradition, eine sehr alte Literatur, später eine wichtige Filmindustrie. Und es gibt auch eine sehr starke vielfältige Musiktradition. Der südliche Teil des Landes ist arabisch beeinflusst, der nördliche türkisch, der Nordosten ist russisch und indisch beeinflusst, das verschmilzt da alles. Und es gibt auch einen kurdischen Teil, das ist auch sehr spannend. Eine unheimliche Vielfalt, die mich begeistert hat. Dass davon vieles nicht nach außen kommt, hängt zum einen mit den Einschränkungen zusammen, unter denen dort veröffentlicht werden kann. Zum zweiten aber auch mit Wirtschaftssanktionen, weil man als Iraner keine legalen Zahlungsmöglichkeiten für Dienste aus dem Westen hat. Manches ist dann im Land auch noch blockiert oder gefiltert. Du kannst also beispielsweise kein Spotify-Konto einrichten.

Nun stehen Sie da mit einer Veröffentlichung – die nächsten beiden sind schon geplant – und die Musiker können nicht mit Konzerten für ihr Album werben. Wie gehen Sie damit um?

Grundsätzlich ist das, die Pandemie einmal ausgenommen, relativ unproblematisch. Das Problem ist nicht die Ausreise, sondern die Einreise. Die EU lässt sie nicht herein, weil man fürchtet, dass es Wirtschaftsflüchtlinge sind, die man nicht haben möchte. Mit dem jetzigen Wechselkurs ist es ohnehin kaum finanzierbar. Ich wollte eigentlich eine Art Release-Konzert in Deutschland organisieren, aber das hat sich dann ganz schnell erledigt. Aber grundsätzlich geht das schon.

Hören

„RAAZ“ von Bamdad Afshar und Hooshyar Khayam ist bereits im November bei 30M Records erschienen. Interessierte können das Album auch digital im Internet kaufen. Unter anderem unter: https://30m-records.com/

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