Empörung über Sparbeschlüsse für Kulturszene / Theater ist „alarmiert“ / Kunsthalle: 1,5 Millionen Euro Mehrkosten?

Hamburger Rotstift erzürnt die Bremer

Kampfansage: Demonstranten vor dem Deutschen Schauspielhaus protestieren gegen geplante Einsparungen in Höhe von 1,2 Millionen Euro.

Bremen - Von Johannes Bruggaier(Eig. Ber.) · Gute Zeiten für Bremer Kulturpolitiker: Der ewige Rivale Hamburg setzt gerade alles daran, seinen Ruf als Kulturmetropole zu ruinieren. Vor wenigen Jahren hatte man an der Elbe noch für den Bau eines gigantischen Konzerthauses Lob geerntet, jetzt sorgen tiefe Einschnitte in die städtische Theater- und Museumslandschaft für bundesweite Empörung.

Notlagentarif am Bremer Theater? Verkauf eines Richter-Bildes in der Weserburg? Alles halb so wild, verglichen mit der Schließung eines Traditionshauses wie dem Altonaer Museum und der Etatkürzung am Deutschen Schauspielhaus um satte 1,2 Millionen Euro.

Als „ungeheuren Vorgang“ bezeichnet der Bremer Weserburg-Direktor Carsten Ahrens die Museumsschließung in Hamburg-Altona. Bremen gehe es wahrlich nicht besser als seinem Nachbarn, und doch werde „hier alles getan, um solche Ereignisse zu verhindern“. Stadtgeschichtliche Museen seien grundsätzlich die „zarteste Pflanze“: Sie zu schließen, bedeute Endgültigkeit, eine spätere Wiederbelebung sei erfahrungsgemäß nicht möglich. Vollends absurd sei, wenn Politiker – wie in Hamburg geschehen – mit der Beschränkung eines Hauses auf „unfreiwillige Besucher“ wie beispielsweise Schulklassen argumentieren. Werde doch gerade diese Arbeit abseits der Touristenströme in politischen Sonntagspredigten immer wieder eingefordert.

Eine Signalwirkung befürchtet Ahrens nicht, weil die Bremer Kulturpolitik, anders als in Hamburg, „hochverantwortlich“ geführt werde. Anstelle von Schließungen suche man gemeinsam nach Lösungen jenseits der öffentlichen Hand, ein solcher Dialog sei in Hamburg offenbar nicht gegeben. Dort dränge sich stattdessen der Eindruck auf, dass Leuchtturm-Projekte wie die Elbphilharmonie zu Lasten der Kulturarbeiter an der Basis gehen, während etwa Bremen darauf achte, dass bestimmte Finanztöpfe der freien Szene vorbehalten sind.

Dort sieht man die Debatte allerdings grundsätzlich gelassen. Carsten Werner, Leiter der Schwankhalle, ist dagegen, „Leuchtturm-Projekte gegen die freie Szene auszuspielen“. Wenn ein Leuchtturm strahlt, profitierten davon auch freie Künstler. Nicht ausgeschlossen, dass auch in Hamburg dieser Fall eintrete, sobald die Elbphilharmonie endlich den Betrieb aufnehme.

Hans-Georg Wegner, künstlerischer Geschäftsführer des Bremer Theaters, ist dagegen „alarmiert“. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus dem Leitungsteam hat er einen Protestbrief an den Hamburger Senat geschickt. Die von der millionenschweren Kürzung am Schauspielhaus ausgehende Signalwirkung, sagt er, werde heftig ausfallen – und zwar für die gesamte Theaterlandschaft in Deutschland. „Wenn selbst die größte Sprechbühne der Republik vor radikalen Kürzungen nicht mehr verschont bleibt, wird sich auch das Gesamtniveau aller Häuser in Deutschland absenken.“

Verheerend wirke sich die Leuchtturm-Politik des Hamburger Senats aus, weil Mammut-Projekte wie die Elbphilharmonie auf Kosten der kulturellen Grundversorgung gestemmt würden: „Da geraten funktionierende Unternehmen unverschuldet in die Bredouille. Diesen Mechanismus kennen wir in Bremen zur Genüge.“ Dem Theater hatte zuletzt eine Musical-Produktion am Richtweg die Finanzen verhagelt.

Christian Kötter-Lixfeld, Geschäftsführer der Bremer Philharmoniker, wundert sich derweil über die Diskrepanz zwischen Weltstadtanspruch und Sparprogramm. Erst vor einem guten Jahr seien die Hamburger Symphoniker in den Rang eines A-Orchesters aufgestiegen, in den Bau der Elbphilharmonie habe man gewaltige Beträge investiert. Zugleich aber spare man jetzt bei einer so renommierten Sprechbühne wie dem Deutschen Schauspielhaus 1,2 Millionen Euro ein: „Ich kann dahinter kein Konzept entdecken.“ Eine Signalwirkung gehe für kleinere Städte aus, wo künftig mit Sparbeschlüssen zu rechnen sei, die mit dem Verweis auf das große Vorbild Hamburg begründet werden. „Ich hoffe und glaube aber auch, dass man in Bremen schlauer ist“, sagt Kötter-Lixfeld. Ein Glaube mit Haltbarkeitsdatum: „Bis zur Bürgerschaftswahl im kommenden Jahr.“

Die Bremer, so scheint es, sind sich alle einig in der Schelte auf den großen Nachbarn. Alle bis auf Wulf Herzogenrath. Der Kunsthallen-Direktor warnt davor, aus der Warte des distanzierten Beobachters „aufgrund von Kurzmeldungen die berühmte Erregungsstrategie zu fahren“.

So sei etwa das Altonaer Museum beileibe nicht die einzige Einrichtung mit stadtgeschichtlichem Profil. In Anbetracht dieser Tatsache sei eine Beschränkung des Gesamtangebots weniger dramatisch als eine Etatkürzung bei der touristisch bedeutenden Hamburger Kunsthalle. Schließlich handele es sich bei dieser um ein „Flaggschiff“ der deutschen Museen, ein Flaggschiff freilich, in dessen Stiftungsrat Herzogenrath selbst vertreten ist.

Für verkürzt hält der Bremer Kunsthallen-Chef die Kritik am Bau der Elbphilharmonie. Es liege im Wesen solcher Projekte, dass der Etat überzogen wird. Der Grund: Zum einen seien Kommunen dazu verpflichtet, Bauaufträge öffentlich auszuschreiben. Zum anderen seien sie ebenso dazu angehalten, das günstigste Angebot auszuwählen. Woraus sich eine fatale Konsequenz ergebe. Denn wer unter diesen Bedingungen den Auftrag erhalten will, müsse seine Kosten auf ein Minimalniveau herunter rechnen: Grundlage dieser Kalkulation sei also nicht der Worst Case, sondern vielmehr der Idealfall sinkender Zuliefererpreise und bester Wetterbedingungen. Die Stadt müsse den Auftrag erteilen, wohlwissend, dass die tatsächliche Kalkulation ganz anders aussehen wird.

So laufe ein solches Verfahren nun mal, sagt Herzogenrath, und bereitet damit elegant seine eigene Hiobsbotschaft vor. Wenn nämlich „nicht die Bürokraten“ Schuld an der Elbphilharmonie-Misere sind, sondern „das System“: Was sagt das dann über das zurzeit laufende Erweiterungsprojekt der Bremer Kunsthalle aus? Dass dieses den vorgesehenen Etat „wahrscheinlich“ um „nicht mehr als fünf Prozent“ überziehen werde, erklärt der Museumschef: Eine „großartige Leistung“ sei das. Fünf Prozent, die gemessen an 30 Millionen Euro Gesamtkosten ein Minus von 1,5 Millionen bedeuten würden. Die Suche nach Geldgebern kann beginnen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Sechs Monate Audible inkl. Gratis-Hörbücher für monatlich 4,95 Euro statt 9,95 Euro

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

Das sind die Minister und Ministerinnen der Ampel-Koalition

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt

Bier, Boßeln, Bollerwagen: Diese Spiele rocken eure Kohlfahrt
„Verschwörungstheoretikern muss man Paroli bieten“

„Verschwörungstheoretikern muss man Paroli bieten“

„Verschwörungstheoretikern muss man Paroli bieten“
Ausstellung über Künstlerpaar Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker

Ausstellung über Künstlerpaar Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker

Ausstellung über Künstlerpaar Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker
Mimimi

Mimimi

Mimimi

Kommentare