Bucerius Kunst Forum rückt Ernst Ludwig Kirchner in den Fokus

Picasso für Arme

„Badende Frauen zwischen weißen Steinen, Fehmarn, 1912“: Auch wenn sich Kirchner für Fehmarn begeisterte, entwickelte er dennoch eine Hassliebe fürs Urbane.
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„Badende Frauen zwischen weißen Steinen, Fehmarn, 1912“: Auch wenn sich Kirchner für Fehmarn begeisterte, entwickelte er dennoch eine Hassliebe fürs Urbane.

Hamburg - Von Jörg Worat. Er war der exzentrischste der „Brücke“-Künstler, für so manche Zeitgenossen der unsympathischste und in seinem Werdegang womöglich der interessanteste: Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) ist eine Ausstellung im Bucerius Kunst Forum in Hamburg gewidmet. Sie zeigt fast ausschließlich Druckgraphik und speist sich reichhaltig aus dem Brücke-Museum Berlin. Der Untertitel „Das expressionistische Experiment“ ist – streng genommen – etwas unscharf formuliert, was aber keineswegs ein Grund sein sollte, vom Besuch Abstand zu nehmen.

Die Reise beginnt 1904 bei kleinformatigen Holzschnitten, die karikaturenhaft daherkommen und noch etwas unbeholfen wirken; sie endet bei Arbeiten aus den 30er-Jahren, über die man streiten kann, weil sie zumindest teilweise aussehen wie . Jedenfalls nicht mehr recht erkennen lassen, dass die „Brücke“ einst in ihr Manifest geschrieben hatte: „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.“

Der Weg von einem Pol zum anderen könnte sehr wohl auch für diejenigen interessant sein, die ihren Kirchner zu kennen meinen, gibt es da doch eine große Bandbreite, inhaltlich ebenso wie formal. Der Künstler orientierte sich zunächst noch sichtbar an den fließenden Linien des Jugendstils, wurde dann jedoch immer eigenwilliger und radikaler.

Über zunehmend eckigere Formgebungen gelangte Kirchner zu explosiven Linienbündelungen, in denen man das Motiv erst bei genauerem Hinschauen ausfindig machen kann – ein Beispiel dafür ist die Lithographie „Leipziger Straße, Kreuzung“ von 1914, – und auch die „Bauerntanz“-Blätter aus der Schweizer Zeit greifen diese Stilistik sechs Jahre später wieder auf. Immer wieder ist schön zu sehen, wie der Künstler, der seine Graphiken selbst abzuziehen pflegte, unterschiedliche und zum Teil extreme Farbwirkungen ausprobierte.

Die Ausstellung ist sinnfällig in Themen aufgeteilt. Schnell ins Auge fallen die Selbstporträts. Mag Kirchner auch heftig seine Eitelkeiten gepflegt haben – so datierte er zuweilen eigene Arbeiten vor, um nicht als Epigon dazustehen –, zeugen diese Blätter doch von einem durchaus kritischen Blick auf die eigene Person. Ein strahlender Held begegnet dem Betrachter jedenfalls nie: Die Figur mit den typischen vollen Lippen scheint durchweg eher angeschlagen, und der Holzschnitt „Kopf des Kranken“ aus dem Jahre 1917 zeigt einen offensichtlich Durchgedrehten – Anlass dafür war eine schwere Nervenkrise, die Kirchner aufgrund traumatischer Erlebnisse beim Militär durchlitt.

Zu Recht nehmen Naturbilder in der Schau viel Raum ein. Paradiesische Zustände zu beschwören, war das Anliegen vieler Expressionisten, und so finden sich immer wieder Darstellungen nackter Menschen und anheimelnder Landschaften. Kirchner entwickelte trotz seiner Begeisterung etwa für die Moritzburger Teiche bei Dresden oder für Fehmarn in seinen Berliner Jahren aber auch eine gewisse Hassliebe für urbane Motive, die ihren Niederschlag in häufig besonders spannungsreich gestalteten Arbeiten fand.

Ob die von immer mehr Museen gepflegte Eigenart, die Wände hinter den Kunstwerken farbig zu gestalten, in diesem Fall besonders glücklich ist oder eher ablenkt, sei dahingestellt. Wie auch immer: Zu entdecken gibt es in dieser Ausstellung allemal viel, und bis zum 7. September besteht noch Gelegenheit dazu.

Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg ist täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, geöffnet. Der ansprechende Katalog (238 Seiten) kostet 39 Euro.

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