Tschaikowskys letzter Oper „Jolanthe“

Furioses Musiktheater in der Elbphilharmonie

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Ein Teil des Ensembles nach dem Auftritt.

Hamburg - Von Michael Pitz-Grewenig. Liebe macht angeblich blind. In Tschaikowskys letzter Oper „Jolanthe“ allerdings passiert genau das Gegenteil: Jolanthe wird sehend, weil sie liebt. Die junge Frau wird von ihrem liebevollen Vater in einem Blumenreich von der Welt abgeschirmt. Bei Todesstrafe darf ihr niemand ihre Blindheit bewusst machen. Der König steht dem Angebot eines Arztes, Jolanthe heilen zu können, wenn sie es selbst will, skeptisch gegenüber – auch in der Elbphilharmonie Hamburg.

Es kommt, wie es kommen muss, ein junger Ritter mit Namen Vaudémont verirrt sich im Garten und verliebt sich in sie. Er erkennt ihre Blindheit, da Jolanthe ihm stets eine weiße statt der erbetenen roten Rose überreicht –  und macht ihr ihre Krankheit natürlich bewusst. Nun droht ihm die Todesstrafe, die Jolanthe jedoch verhindert: Sie rettet mit ihrer Zustimmung zur Operation den Geliebten.

Hinter dieser romantischen Geschichte versteckt Tschaikowsky seine Vorstellung einer liberalen, gewaltlosen Gesellschaft ohne Ausgrenzung. Aber auch das, was die taub-blinde Schriftstellerin Helen Keller einst auf die Frage nach ihrem Schicksal antwortete: „Die einzige ganz lichtlose Nacht ist die Nacht der Unwissenheit und der Gefühllosigkeit.“ Und diese Aussage ist aktueller denn je.

Der Uraufführungen von „Jolanthe“ war am 18. Dezember 1892 im St. Petersburger Mariinski-Theater und Gustav Mahler dirigierte bereits am 3. Januar 1893 in Hamburg die erste Aufführung des Operneinakters außerhalb Russlands. Nun ist das Werk mit einer grandiosen Besetzung nach Hamburg zurückgekehrt.

Die konzertante Wiedergabe in russischer Sprache unter Dirigent Valery Gergiev und dem Chor sowie Orchester des Mariinsky Theaters hat den Vorzug subtilster klanglicher Vollkommenheit, verbunden mit einer musikalisch pointierten Ausleuchtung der Handlungsabläufe. Gergievs subtiles Dirigat lässt Jolanthes irrealer Zaubergarten mit Harfen- und Streicherflirren und sanften Walzerrhythmen fabelhaft erklingen, im Gegensatz zur Männerwelt mit ihren Fanfaren, posaunen-tosendem Orchestertutti und stampfenden Rhythmen. Gergiev lässt die Anmut der herrlichen Musik dieses harmonisch kühnen Einakters um so schärfer erkennen, je mehr es ihm gelingt, die versteckte Polytonalität zum Klingen zu bringen. Eine Polytonalität, die letztendlich – wenn man die Partitur so versteht – in einen Aufruf zur Emanzipation mündet.

Sopran durchdringt Gefühlswelt

Irina Churilova durchdringt mit ihrem flexiblen Sopran großartig Jolanthes Gefühlswelt. Eine Welt, deren stimmliches Spektrum von verträumter Unwissenheit mit gedämpfter Stimme bis zum strahlenden „Licht und Liebe“ reicht. Zu einem ersten Höhepunkt für Churilova wird Jolanthes intimes Liebesgeständnis: Ihr schmiegsamer Sopran harmonisiert trefflich mit dem Timbre des Tenors Najmiddin Mavlyanov in der Rolle des Ritters. Bewundernswert, wie beim „Erwachensduett“ beide Sänger gegenseitig die Konsonanten mit den Vokalen verbinden und so schon auf der musikalischen Ebene Einheit demonstrieren.

Roman Burdenko als maurischer Arzt überzeugt ohne Abstriche mit heldischer Baritontimbre, wie auch Bassist Stanislav Trofimov (König). Auch Alexei Markov (Robert) fasziniert mit seinem fast tenorhaften Bariton. Außerordentliches leisten zudem die anderen Solisten bei diesem Konzert.

Eine szenische Realisierung vermisst der Zuschauer während dieses grandiosen Abends nicht, da die Handlung im Wesentlichen in der Musik stattfindet. Daher hat diese Aufführung den Vorzug, dass das Publikum sich ganz auf die Musik konzentrieren kann. Ein Umstand, der dem Ensemble frenetischen Applaus bescherte.

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