Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester in der Elbphilharmonie

Herausforderung an die Hörer

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Das Bayerische Staatsorchester mit Leiter Kirill Petrenko. 

Hamburg - Von Michael Pitz-Grewenig. Das Doppelkonzert a-Moll op. 102 gehört zu jenen Kompositionen von Johannes Brahms, die nur selten aufgeführt werden. Es stellt eminente Anforderungen an beide Solisten, die weit über das rein Virtuose hinausgehen. Die Geigerin Julia Fischer und der Cellist Daniel Müller-Schott verfügen nicht nur über eine glänzende Technik, sondern verstehen sich auch prächtig, wie man bei dem Konzert im großen Saal der Elbphilharmonie unschwer erhören konnte. Da gibt es keine solistischen Eitelkeiten, sondern fabelhaft konzentriertes gemeinsames Musizieren. Kirill Petrenko und sein Bayerisches Staatsorchester sind gleichberechtigte Partner beim vollendeten Dialog mit der „achtsaitigen Riesengeige“ (so ein Bonmot vom Brahms-Biografen Max Kalbeck zur Kombination von Geige und Cello).

All das erklingt schon in den ersten Takten des ersten Satzes, der durch ein Orchestertutti eröffnet wird. Ein Monolog des Cellos erklingt, die Violine antwortet in höchsten Lagen, und beide begeben sich auf eine spannende musikalische Reise durch die komplexe Partitur. Das folgende gesangliche Andante in D-Dur bekommt seine innige Wirkung durch das äußerst subtile Zusammenspiel von Julian Fischer und Daniel Müller-Schott. Die zahlreichen Parallelführungen der Soloinstrumente in Oktaven und die reizenden Wechsel mit den Holzbläsern vor dem Hintergrund zarter Hornklänge kommen exzellent zu Geltung.

Der dritte Satz, ein virtuoses Rondo, wird zum perlenden Vergnügen. Aber all das kann nur gelingen, weil Petrenko sein Orchester stets liebevoll-emphatisch durch die Partitur führt und einen samtigen klanglichen Hintergrund entwickelt, vor dem die Solisten sich prachtvoll entfalten können. Petrenko lässt sich die Zeit, die diese Musik benötigt, ohne an Schwung zu verlieren, wobei die Höhepunkte sorgsam gesetzt werden, ohne mit der Kraft eines Ozeandampfers alles zu zermalmen. Petrenko entlockt seinem Orchester wunderschöne Musik. Alles ist vorhanden: dynamische Vielfalt, perfekte Intonation, atemberaubendes Gefühl und nahtlose Kontinuität.

Ein Musterbeispiel romantischer Innerlichkeit

Dass sich Johannes Brahms und Peter I. Tschaikowsky nicht leiden mochten, gehört zu den ewigen Vorurteilen der Musikgeschichte. Es stimmt zwar, dass sie in kompositorischen Dingen radikal unterschiedlicher Meinung waren, das tat aber der gegenseitigen menschlichen Wertschätzung keinen Abbruch. „Brahms ist sehr sympathisch, und mir gefällt seine Offenheit und Schlichtheit“, so Tschaikowsky nach einem Treffen mit Brahms im Jahre 1888.

Die programmatische Konstruktion der Manfred-Sinfonie op. 58 in h-Moll, inspiriert von Lord Byrons dramatischem Gedicht „Manfred“, ist ein Musterbeispiel romantischer Innerlichkeit. Ein charismatischer Einzelgänger mit übersteigertem Ich-Bewusstsein, ein zwischen Schuld und draufgängerischer Selbstbehauptung Zerrissener, Bruder des rastlosen Faust und ein ziemlich autistischer Kotzbrocken, das ist dieser Manfred. Voller Sehnsucht nach der verlorenen Geliebten irrt er durch die Schweizer Bergwelt und sucht Erlösung. 

Ganz eigene Klangsinnlichkeit

Tschaikowskys Manfred-Symphonie in vier Bildern, zwischen vierter und fünfter Symphonie entstanden, ist ein komplexes experimentelles Werk, an dem viele Dirigenten scheitern. Petrenko erweist sich hier als technisch perfekter Poet. Im komplexen Weltschmerz des ersten und zweiten Satzes bewahrt er einen ruhigen Kopf. Im dritten Satz dringt er feinsinnig in die emotionale Herzkammer dieser Sinfonie ein.

Das groteske Finale, verstärkt durch zwei Harfen und eine Orgel, atmet und pulsiert, geschickt werden die synkopischen Schlaglöcher umschifft. Petrenkos interpretatorischer Zugriff ist eine Herausforderung an die Hörer, sich auf seine ganz eigene Klangsinnlichkeit einzulassen. All das ist natürlich nur möglich, da das Bayerische Staatsorchester hier erstklassig musiziert.

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