„Tradition aus dem Bauhaus“: Lyonel Feininger und Gerhard Marcks in einer Bremer Ausstellung

Halt in der Natur

Marcks trifft Feininger: „Maja“ und „Freya“ vor einer Lüneburger Häuserreihe.

Bremen - Von Rainer BeßlingEs war nicht zuletzt die Ferne zum NS-Kunstbetrieb, die Gerhard Marcks nach 1945 zum gefragten Künstler machte. Auch in den USA.

1950 reiste der deutsche Bildhauer erstmals nach Amerika, um für den Skulpturenpark in Philadelphia eine Plastik zum Thema „Social Consciousness“ zu gestalten. Der Entwurf fiel durch, zu wenig „heroisch“. Dank seines Kunsthändlers Curt Valentin konnte Marcks aber fünf Exemplare seiner „Maja“ an Museen und Sammler verkaufen. Und er traf einen Kollegen wieder, der ihm am Anfang seiner Laufbahn wichtige Impulse gegeben hatte: Lyonel Feininger.

Der in New York geborene Maler war 1937 in die USA zurückgekehrt, lebte und arbeitete dort jedoch vorwiegend in der Erinnerung an Deutschland. Ein halbes Jahrhundert hatte er in Europa verbracht. Als Zeichen alter Verbundenheit bot Marcks dem väterlichen Freund eine Skulptur an. Feininger entschied sich für „Melusine“, ein Frauenbildnis in gotischer Strenge.

„Maja“ und „Melusine“ stehen derzeit in der Halle des Bremer Gerhard-Marcks-Hauses. Daneben hängen Werke Feiningers: Im Stil des Spätwerks tritt ein Giebel aus dem Lüneburger Stadtbild auf, den der Maler Anfang der 1920er Jahre skizziert hatte. Im Ölgemälde von 1953 stellt Feininger sein Konterfei symbolhaft neben die hanseatische Architektur. Die Bildreihe dokumentiert die Entwicklung von strengen linearen Gefügen zu gelösteren Kompositionen. Die Korrespondenz von Skulptur und Malerei verweist auf viele Geschichten um eine besondere Künstler-Freundschaft.

„Feininger & Marcks“ ist die Ausstellung im Bremer Bildhauermuseum überschrieben, mit Exponaten zur „Tradition aus dem Bauhaus“, so der Untertitel, beginnt die Schau. 1919 lernten sich beide als Meister des neu gegründeten Bauhauses in Weimar kennen. Marcks‘ Erfahrungen in der Keramikindustrie waren an der Schule gefragt, die auf eine Wiederannäherung von Kunst und Handwerk hinzielte. Feininger, 17 Jahre älter als Marcks, war ein anerkannter Künstler, der einen Platz fern von der Abstraktion, aber auch vom Expressionismus besetzte. „Letzte Form kann nur durch die vollkommene Ruhe im Bilde erreicht werden“, schrieb er. Natur blieb für ihn Bezugspunkt. Nicht Loslösung vom Gegenstand, sondern Klärung und Vereinfachung der Form waren sein Ziel.

An dieser Reduktion arbeitete Feininger zwischen 1918 und 1920 in mehr als 200 Holzschnitten. Die Werkgruppe bescherte ihm die Leitung der Grafikwerkstatt am Bauhaus und Gefolgschaft von Marcks. Weisen die Arbeiten der beiden auch gattungsbedingt oft deutliche Differenzen auf, zeigt sich vor allem in den Zeichnungen der Unterschied zwischen avanciertem Strich mit hoher ästhetischer Ambition (Feininger) und Skizzenfunktion für den Ateliergebrauch (Marcks), scheint die Nähe in den Holzschnitten am größten zu sein. Und es wird die Basis erkennbar, auf die sich beide in ihrem jeweiligen Metier beriefen: Eine in der Realität gefundene, auf diese verweisende Form ist reicher als eine erfundene und abstrakte, dem Betrachter ist ein gehaltvollerer Nachvollzug gesichert.

Die Ausstellung zeichnet an den Motiven „Ostsee“ und „Halle“ Werkentwicklung und Lebensweg der zwei nach. Maritime Szenen gehören zum Bekanntesten in Feiningers Werk. Der Maler verbrachte viele Sommer an der Ostsee und hielt neben Strand, Meer und Wolken die markante Backsteinarchitektur der Küstenstädte in „Natur-Notizen“ genannten Zeichnungen fest, Vorarbeiten für die Gemälde, die wintertags im Atelier entstanden. Der Abstand zwischen Betrachtung und Bildentwicklung, das Pendeln zwischen subjektiver Wahrnehmung und allgemeiner Vision der Natur wurden so im Arbeitsprozess etabliert.

1925 wechselte Marcks an die Burg Giebichenstein. Er richtete sich wieder stärker am Naturvorbild aus und fand in der antiken Plastik neue Formbezüge, in archaischen Mythen thematische Impuls. Feininger reflektierte in Architekturbildern Raumgefüge und Flächengliederung, teils stark abstrahiert. Marcks bemühte sich, seinen Freund nach Giebichenstein zu holen, was misslang. Im benachbarten Halle schuf Feininger von 1929 bis 31 seine berühmte Stadt-Serie.

Vergleichendes Sehen, das belegt diese attraktive Ausstellung, steigert Vergnügen und Ertrag. Aus den Werkdialogen treten umso anschaulicher ästhetisches Position und künstlerischer Alltag hervor.

(Bis 25. April, Katalog)

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