Peter Maffay

„Halbtot, durchgekifft, unberechenbar“

+
Braun gebrannt sitzt er auf seinem Motorrad: Peter Maffay präsentiert sich gern als lässiger Rocker. ·

Tutzing - Von Anne Hundt. Unscheinbar und betont normal liegt das Tonstudio von Peter Maffay (64) in einem Wohngebiet in Tutzing am Starnberger See. Bis auf wenige Schilder, auf denen „Studio“ steht, fallen die Aufnahmeräume des Musikers nicht weiter auf. Dort hat er sein 23. Studio-Album mit dem Titel „Wenn das so ist“, das morgen erscheint, produziert.

Herr Maffay, es hat fünf Jahre gedauert, bis Sie ein neues Rockalbum herausgebracht haben. Sind Sie müde geworden?

Peter Maffay: Ich hätte gerne mal, als ich müde gewesen bin, auf der faulen Haut gelegen und ein bisschen gepennt. Dazu gab es keine Veranlassung und auch keine Zeit. Wir haben malocht bis zum Abwinken.

Was haben Sie gemacht?

Maffay:Wir haben mit „Tattoos“ ein völlig neues Album produziert, zwar mit alten Titeln, aber in völlig neuer Aufmachung. Und Tabaluga war eine Megaanstrengung. Zwei so fette Projekte mit Tournee in fünf Jahren sind viel.

Aber will ein Rockmusiker nicht lieber Rockmusik schreiben, als, wie bei „Tattoos“, Altes wieder aufzuwärmen?

Maffay:Will man als Publikum nicht auch mal Altes wieder hören? (lacht) Manche Leute machen in fünf Jahren so ein Ding wie „Tattoos“. Und Tabaluga war so aufwendig wie zwei Alben zu produzieren. Also haben wir rechnerisch in fünf Jahren drei Alben gemacht.

Also sind Sie nicht müde, sondern fit wie nie?

Maffay: Ich bin nicht unzufrieden mit meiner Form. Ich komme gerade aus dem Trainingsraum, und da habe ich einen Sandsack. Auf den kommen gewisse Fotografien. Und dann geht’s ab. (lacht)

Wessen Bild hängen Sie dort auf?

Maffay:(lacht) Spaß.

Wie oft trainieren Sie?

Maffay:Jeden Tag eine Stunde im Trainingsraum. Für jeden, der im Studio arbeitet, ist es gut, auch mal lautstärkenmäßig abzuschalten. Da unten ist es nämlich ruhig, und es kommt keiner rein.

Inwieweit haben Sie sich in den vergangenen Jahrzehnten angepasst?

Maffay: Ich habe mich nur an meine Gitarre angepasst. An etwas anderes nie. Deswegen würde ich auch folgende Rückmeldung bekommen, wenn ich mit meinem Album zu einer Radiostation gehen würde: „Wir stehen total drauf, was Du machst. Leider können wir diesen Song nicht spielen, weil er für unser Format zu heavy ist.“ Oder: „Leider ist unser Format ein völlig anderes, und er passt bei uns nicht rein.“

Warum präsentieren Sie sich immer mit Lederjacke, Ringen und Ketten?

Maffay: Warum haben Sie blonde Haare?

So bin ich geboren.

Maffay: Und ich bin mit einer Kette geboren – innerlich. (lacht)

Entsprechen Sie heute Ihren Vorbildern von damals?

Maffay: Es sind amüsante Fragen, die Sie stellen. Sagt Ihnen der Name Bob Dylan etwas? Als ich 14 war, habe ich „Blowing in the wind“ gehört. Es hat mich interessiert, dass jemand zu dieser Zeit in Amerika, das völlig konservativ war, auf die Gefahr hin, als Kommunist abgestempelt zu werden, gesagt hat: „Was Sie da machen, ist scheiße. Sie schicken Menschen in den Tod. Damit habe ich nichts zu tun.“ Das war sehr mutig. So wie ihn gab es viele Leute, die auch Anlass für mich gewesen sind, in der Stiftung tätig zu werden. (A.d.R.: Die Peter-Maffay-Stiftung setzt sich vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein.) Für mich ist es nicht mehr erheblich, ob diese Musiker Ketten trugen oder nicht.

Wie haben sich die Rockattitüden im Vergleich zu damals verändert?

Maffay: (überlegt) So ein richtiger Rocker musste halbtot, durchgekifft, chaotisch, unberechenbar sein. Er musste jeden Augenblick bereit sein, einen Fernseher aus dem Fenster zu werfen und zehn Mädels gleichzeitig auf dem Zimmer vernaschen – ich überzeichne. Das nannten wir „Sex, Drugs und Rock'n'Roll“. Das ist heute kalter Kaffee.

Warum?

Maffay: Weil bestenfalls die Mädels übrig geblieben sind. Der Alkohol bringt dich nicht weiter. Die Drogen bringen dich auch nicht weiter. Es ist kein Merkmal von Qualität oder erstrebenswerter Lebensattitüde, wenn du dich tot rauchst oder spritzt. Oder alles durch die Nase ziehst, was angeboten wird. LSD und diese ganzen psychedelisch Phasen, die es in der Musik gab. Was es gebracht hat, war, dass es ziemlich viele kaputte Typen gab, hochtalentierte Leute, die irgendwie zerbrochen sind. Das kann man sich heute nicht mehr erlauben.

Das heißt, der Rock'n'Roll ist brav geworden.

Maffay:Nein. Wie kommen Sie zu diesem komischen Schluss? Der Rock'n'Roll ist sehr selbstbewusst geworden. Du hast es mit Profis zu tun. Das Reizvolle ist, Disziplin zu haben, ohne dabei die Kreativität einzuschränken. Ohne dabei an Wildheit zu verlieren. Ich bin fast am Alkohol kaputt gegangen. Ich habe drei Flaschen Whiskey am Tag getrunken. Wenn du das fünf, sechs Jahre lang machst, sind das ein paar Tonnen Whiskey, die deine Nieren durchfiltern. Das ist Schwachsinn. Wenn wir uns in die Zeit von damals zurückversetzen und ich stelle mir dieses Gespräch vor, hätte ich bei der dritten Frage dieser Art, wie Sie sie stellen, gesagt: „Weißt Du was, lass uns mal das Gespräch zu Ende bringen.“

„Halleluja“ und „Gelobtes Land“ sind zwei Songtitel auf Ihrem neuen Album. Sind Sie religiös?

Maffay:Ja, aber das Lied „Halleluja“ hat nichts mit Religiosität zu tun. Halleluja ist das Synonym für Befreiung, für Selbstüberwindung. Obwohl der Song, wenn man das Video guckt, eine Komponente hat, die wie ein Gebet ist. Aber viele Songs haben das. Warum wird denn in einer Kirche überhaupt gesungen? Wenn du über die Welt reist, wirst du überall Völker entdecken, wo das gleich abläuft: Ein Gebet ist immer gekoppelt an Musik.

Glauben Sie an Gott?

Maffay:Absolut.

Im kirchlichen Sinne?

Maffay:Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil mir das Bodenpersonal nicht zusagt. Natürlich gibt es auch tolle Leute, und nicht jeder verbrät Millionen wie dieser Typ in Limburg. Und nicht jeder Papst ist so weltfremd wie der vorletzte. Dem ich übrigens begegnet bin – eine sehr einschneidende Begegnung. Du stehst auf einem Platz mit einigen zig Tausend Leuten, spürst die Macht und dann kommt einer, der nichts anderes ist als du – nämlich ein Mensch. Er gibt dir die Hand und du spürst: Es ist eine Hand, ein Mensch und nicht ein Gott. Aber was die Kirche aus ihm macht, ist fast gottähnlich. Dafür habe ich nichts übrig.

Wie glauben Sie denn?

Maffay:Die Dimension, die Möglichkeit eines Dialogs dort, wo alles andere versagt, über den Glauben zu bekommen, ist fundamental wichtig.

Wann brauchen Sie Ihren Glauben?

Maffay:Wenn man Angst hat. Ohne Angst würden wir uns wohl nicht veranlasst sehen, die eigene Unzulänglichkeit zu sehen.

Haben Sie Angst?

Maffay:Ja, natürlich. Vor Dingen, die ich nicht beeinflussen kann. Ich habe vor zwei Jahren einen kapitalen Unfall in Neuseeland gehabt. Alle Beteiligen sind wie durch ein Wunder aus den Autos gestiegen, die Schrott waren. Drei Autos mit neun Leuten.

Was ist passiert?

Maffay: Da will ich nicht weiter drauf eingehen. Aber wenn das passiert, schwöre ich Ihnen – Sie steigen aus und sagen: „Lieber Gott, vielen Dank.“

Auf dem Album singen Sie „Es gibt keinen Notausgang“, „keinen Plan B“, „kein Notsignal“. Haben diese Zitate etwas mit Ihrer gerade beschriebenen Einstellung zu tun?

Maffay:Nein, das ist eher eine Form von Fatalismus, die dann auftritt, wenn du etwas sehr genießt. Eine Form von Selbstüberschätzung, die eintritt, wenn du auf einem Motorrad sitzt und sagst: „Mir gehört die ganze Welt.“ Dann übersiehst du den Faktor, dass die nächste Wand schon ziemlich nah ist. Aber Gefahr kann Adrenalin bringen.

Und das brauchen Sie?

Maffay:Brauchen ist nicht die richtige Vokabel. Aber reizvoll ist es. Es ist völlig hirnrissig, das weiß ich, aber ich fahre manchmal gerne ohne Helm.

Wie passt das mit der Verantwortung zusammen, die Sie für Kinder übernehmen?

Maffay:Na überhaupt nicht. Aber sind wir Menschen so, dass immer alles zusammenpasst? Wenn ich darüber nachdenke, sage ich: „Tickst Du noch ganz richtig Maffay?“ Aber es gibt Momente, da würde ich sagen: Es ist sehr geil ohne.

Erst wieder in einem Jahr tritt Peter Maffay in der ÖVB-Arena in Bremen auf, nämlich am

13. Februar 2015.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Elf Tote bei Attacken Israels auf Dschihad-Ziele

Elf Tote bei Attacken Israels auf Dschihad-Ziele

Farben im Märchen: Neue Schau der Grimmwelt Kassel

Farben im Märchen: Neue Schau der Grimmwelt Kassel

"Apokalyptische Zerstörung": Hochwasser verwüstet Venedig

"Apokalyptische Zerstörung": Hochwasser verwüstet Venedig

Elon Musk: Tesla baut europäische Fabrik bei Berlin

Elon Musk: Tesla baut europäische Fabrik bei Berlin

Meistgelesene Artikel

Im barocken Zaubertheater

Im barocken Zaubertheater

Wiedergänger mit Herz

Wiedergänger mit Herz

Ihrer Zeit voraus

Ihrer Zeit voraus

Jeder Scheinwerfer ein Universum

Jeder Scheinwerfer ein Universum

Kommentare