SERIE: THEATER GANZ NAH Thomas Ohlendorf und sein Bürgerchor

„Hair“ war der Auslöser

Bei „Hair“ ganz groß mitten auf der Bühne: Der Bürgerchor wurde eigens für die Produktion gegründet – und blieb bestehen. Foto: Jörg Landsberg.

Bremen - Von Frank Schümann. Die Stimmung ist aufgeräumt auf der Probebühne Goetheplatz, der Raum ist es nicht ganz so – aber das stört niemanden. „Wir sind ja immer froh, einen Raum zu bekommen, und wir nehmen, was da ist“, sagt Thomas Ohlendorf; in der Woche zuvor hatte der Bürgerchor noch die Probebühne Schauspiel zugewiesen bekommen. Ohlendorf kennt das Haus aus dem Effeff: Seit dem Jahr 2000 ist er fest am Theater Bremen, zuvor hatte er zwölf Jahre lang partiell in der Theater-Bibliothek gearbeitet. Als Bibliothekar ist er verantwortlich für Noten und Partituren aller Musiktheater-Produktionen, nebenbei wartet er die theatereigenen Instrumente, stimmt Gitarren und Klaviere. Und wenn es die Zeit zulässt, musiziert er auch selbst – aber das natürlich privat.

Seit 2014 ist noch eine weitere Aufgabe hinzugekommen. Eine, die ihn mit besonderer Freude erfüllt: die Leitung des Bürgerchors am Theater Bremen. Jeden Montag um 19 Uhr treffen sich 30 bis 50 Gesangsamateure, um mit dem Theater-Mann gemeinsam zu singen. Großes Talent muss nicht unbedingt vorhanden sein, Hauptsache, man hat Spaß bei der Sache, Lust zu singen – und nimmt diese Aufgabe einigermaßen ernst. Denn Ohlendorf kann auch streng sein, das lernt der Beobachter bereits in den ersten Minuten der Probe. „Was seid ihr heute faul“, schimpft er bei den Atemübungen, „könnt ihr mal richtig den Mund aufmachen?“ Kurz darauf lobt er aber: „Ja, das ist gut, jetzt habt ihr eine gute Spannung aufgebaut.“ Einige Mitglieder des Bürgerchors sprechen später in höchsten Tönen über ihren Chorleiter, finden sogar, dass er noch ein bisschen strenger sein könnte.

In diesem Moment der Probe ist er immer noch damit beschäftigt, seinen Chor in Form zu bringen: 26 Mitglieder sind an diesem Tag erschienen, darunter fünf Männer; insgesamt sind knapp 60 Personen (darunter nur sieben Männer) als Mitglieder geführt. „Das ist heute der harte Kern“, sagt Ohlendorf, „der ist eigentlich fast immer da.“

Eine regelmäßige Teilnahme sei wünschenswert, aber eben keine Pflicht; wer nicht könne, könne nicht. Entsprechend muss auch der Chorleiter stets aufs Neue improvisieren, denn nicht immer ist jedes Stimmfach ausreichend besetzt. Bei der allgemeinen Männerknappheit gibt es ohnehin keine Baritone und an diesem Probenabend gerade mal einen einzigen Tenor. Bässe wiederum sind vier dabei, die Parts der fehlenden Tenöre werden – genau – von einigen Damen übernommen. Der einzige Männer-Tenor, Marcus Hege, nimmt es mit Humor: „Man gewöhnt sich an seine Rolle“, sagt er schmunzelnd – und: „Man kann sich ja auch an den Damen orientieren.“ Es sei der Spaß an dieser Aufgabe und der Zusammenhalt der Gesangstruppe , der fast alles andere kompensiere, sagt auch Anne Niebuhr: „Ich freue mich jeden Montag wie Bolle, dass ich wieder mit diesen tollen Leuten arbeiten kann.“ Und Stefanie Meier, ein weiteres Chormitglied, ergänzt: „Das Repertoire ist auch ein ganz Besonderes. Es ist toll, dass wir nicht auf ein Genre festgelegt sind.“

Die drei sind von Anfang an dabei und können sich lebhaft daran erinnern, wie es war, als der Chor gegründet wurde – seinerzeit als Teil der Produktion „Hair“. Damals sei die Dramaturgin der Produktion auf ihn zugekommen, sagt Ohlendorf, und habe ihn gefragt, ob er sich zutraue, für das Musical einen Bürgerchor aufzubauen. Ohlendorf, der schon zwei Jahre lang einen Mitarbeiter-Chor geleitet hatte, sagte mit Freude zu. Auf eine Zeitungsannonce reagierten insgesamt und 400 Menschen – und nicht weniger als 330 erschienen zur ersten Probe. Diese hat Ohlendorf selbst als „knallhart“ in Erinnerung: „Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur ein einziges Stück, mit dem ich probieren konnte“, sagt der 61-jährige, „das war ‚Aquarius‘. Ich habe drei Gruppen gemacht und die Hundertschaften dann jeweils eine Stunde lang gequält“, erzählt er lachend. Aussortiert wurde anschließend nicht, jeder, der wollte, durfte nicht nur dabei sein, sondern auch dabeibleiben. Durch die in diesem Falle notwendige Probenpräsenz seien viele von sich aus ausgestiegen, berichtet Ohlendorf, dennoch blieben 120 übrig – und die schafften es tatsächlich bis zur Premiere und blieben darüber hinaus auch bei der Wiederaufnahme im Winter 2014 bei der Stange.

Als „Hair“ schließlich endgültig abgespielt war, kamen einige Chormitglieder auf Ohlendorf mit der Frage zu, wie es weitergehen würde. „Leider musste ich ihnen dann sagen, dass ich keine weiteren Theaterprojekte für sie hatte“, so der Bibliothekar. Eine weitere rein chorische Arbeit war allerdings möglich – und so blieb der Bürgerchor bestehen. Bis heute sind bereits drei Programme entstanden, mit einem Mix aus klassischen (Bach, Schubert) und populären Stücken (Kate Bush, Randy Newman). Bisweilen tritt der Chor sogar auf, unter anderem regelmäßig beim Tag der offenen Tür des Theaters.

Doch dafür muss natürlich geübt werden, deshalb: zurück in den Probenraum. Dort arbeitet der Chorleiter an einem Stück – und ist in seinem Element. Am Klavier oder in der Mitte des Raumes ist er mal Lehrmeister, mal Kritiker, mal Komiker – und manchmal alles zusammen. „Wer ist der hohe Alt? Ah, ihr, ja. Und ihr wisst das auch, dass ihr der hohe Alt seid?“ Die Gescholtenen nehmen es mit Humor – und machen es wirklich besser. „Darum geht es ja auch in erster Linie“, sagt Stefanie Meier, „ich möchte mich weiterentwickeln, möchte besser werden, und das gelingt mit Thomas ganz wunderbar“.

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