Welche CD soll unter dem Weihnachtsbaum liegen? Vier Vorschläge für Freunde von Jazz und Rock

Als hätte Jimi Hendrix den Verstand verloren

Alles unter einem Hut: Cassandra Wilson bringt Funk, Blues, Ballade und Pop zusammen.Archivfoto: dpa

Von Jörg WoratHANNOVER · Auch 2010 konnte man gute CDs bekommen. Vorausgesetzt, man fand sie. Ein Rückblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Jazz. Sie müsste nun wirklich nichts mehr beweisen. Tut es aber trotzdem: Cassandra Wilson ist mit „Silver Pony“ ein sehr spezieller Wurf gelungen. Die zweifache Grammy-Gewinnerin mit der abgedunkelt-angerauten Stimme legt eine bemerkenswert organische Kombination aus Live- und Studioaufnahmen vor. Funk, Blues, Balladeskes, gar Pop: Die Lady grenzt wenig aus und bringt alles unter einen Hut. Auch wenn in rhythmischer Hinsicht eine Menge passiert, bleibt die Grundstimmung eine relaxte. Die Instrumentalisten sind ausnahmslos so brillant, dass eine Hervorhebung unangemessen scheint – wenn indes Keyboarder Jonathan Batiste zu seinen sanft verschrobenen Exkursionen ansetzt, liegt manchmal schon etwas Genialisches in der Luft. Feines Album, auf dem sogar die alte Beatles-Schmonzette „Blackbird“ erträglich wird.

Varia. Apropos Beatles: Auf ihrem „Apple“-Label nahmen die Fab Four einst die unterschiedlichsten Musiker unter ihre Fittiche. Eine Reihe dieser Alben sind nun in remasterter Form neu erschienen, und einen recht guten Überblick bietet der Sampler „Come And Get It“. Der Titelsong stammt von der hitparaden-kompatiblen Band Badfinger, und überhaupt findet sich hier manch Leichtverdauliches.

Dass Hits aber auch Spaß machen können, beweist die göttliche Mary Hopkin, und zudem mangelt es der CD nicht an Kuriositäten. „Thingumybob“ von der Black Dyke Mills Band etwa ist ein purer Humpa-Brass-Sound, während Indienfreund George Harrison dem Label die Gesänge des Radha Krishna Temple zuführte. Und wer immer schon mal wissen wollte, wie der Song „Give Peace A Chance“ in der Version der Hot Chocolate Band klingt, wird hier ebenfalls bedient.

Freistil. „The Secret Language Of Birds“ heißt das dritte Solo-Album von Jethro-Tull-Mastermind Ian Anderson, ursprünglich 2000 erschienen und jetzt wiederveröffentlicht. Anderson rührt hier eine Mischung aus multinationalen Folklore-Einflüssen an, die so ziemlich das Abgeklärteste in seiner langen Karriere darstellt, und bevorzugt dabei das klassische Drei-Minuten-Format. Der Maestro spielt zusammen mit Andrew Giddings fast alle Instrumente, sporadisch kommen alte Kameraden wie Gitarrist Martin Barre zum Einsatz. Dass Andersons Stimme im Laufe der Jahrzehnte gelitten hat, ist kein Geheimnis, in Sachen Harmonien und Songaufbau gibt es indes nichts Typischeres als dieses Album. Man kann es eigentlich nur lieben oder hassen, und wer es liebt, wird es richtig lieben.

Krautrock. Was aber war der Krautrock? Target Music in Mittelfranken nähert sich dieser Frage durch die Veröffentlichung von üppigen 6-CD-Boxen, bei denen jeder einzelne Silberling bis an die 80-Minuten-Grenze vollgepackt ist. Im Laufe der Jahre sind vier Ausgaben von „Krautrock – Music For Your Brain“ erschienen, eine fünfte ist geplant. Sofern die Herausgeber die gewünschten Lizenzen bekommen, was bisweilen schwer oder unmöglich ist – von Can war bis dato ein einziger Titel vertreten, von Kraftwerk keiner. Das macht aber nix: Nicht nur Nostalgiker dürften staunen, welch kreatives Potential die deutschen Lande in den End-Sechziger und Siebziger Jahren aufwiesen. Vom klassischen Hardrock über erste deutschsprachige Songs bis hin zu elektronische Experimenten ist hier alles vertreten. Also auf ins Reich von Birth Control und Tangerine Dream, Frumpy und Faust, Ougenweide und Guru Guru, als diese noch nicht zur Spaßcombo mutiert waren, sondern eher klangen, als hätte das Jimi Hendrix Trio den Verstand verloren. Eine stilprägende Epoche, wiewohl man konstatieren muss, dass in Sachen Gesang offensichtlich noch verbreitet Nachholbedarf herrschte – wenn mit Tom McGuigan von der Band Message schon mal ein richtig guter Vokalist heraussticht, stammt er prompt aus Schottland.

Cassandra Wilson: „Silver Pony“ (Blue Note); „Come And Get It – The Best Of Apple Revords“ (EMI); Ian Anderson: „The Secret Language Of Birds“ (EMI); Krautrock: „Music For Your Brain“ (Target Music).

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