„Nora oder ein Puppenheim“ in Hannover: Lars-Ole Walburg zertrümmert mit Ibsen eine Ehe

Häschen mit dunkler Vergangenheit

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Ist das Häschen etwa traurig? Torvald Helmer (Henning Hartmann) tröstet seine Nora (Mirka Pigulla). ·

Hannover - Von Johannes Bruggaier - Zu Weihnachten im Jahr 1879 fand die Bescherung schon drei Tage früher statt – jedenfalls für Scheidungsanwälte.

Am 21. Dezember nämlich feierte damals Henrik Ibsens Drama „Ein Puppenheim“ seine Uraufführung. Dessen Hauptfigur Nora erkennt im Laufe des Stücks, wen sie da eigentlich einmal geheiratet hat. Packt ihre Sachen, schmeißt die Haustür hinter sich zu und beschließt, da draußen in der Welt endlich ein eigenes, emanzipiertes Leben zu beginnen. Unzählige Theatergängerinnen sollen es ihr damals gleich getan haben, heißt es.

Am Schauspielhaus Hannover hat jetzt der Intendant persönlich den Klassiker in Szene gesetzt. Dass auch diesmal wieder hunderte von Ehemännern um ihr häusliches Glück fürchten müssen, scheint zwar nicht sehr wahrscheinlich. Immerhin aber lässt auch Lars-Ole Walburg keinen Zweifel am Scheitern dieser Beziehung zu – und verweigert sich jener Happy-End-Lösung, zu deren nachträglicher Formulierung sich Ibsen seinerzeit auf Druck der Theaterleitung genötigt sah.

In Hannover zeigt sich das traute Heim mit Blütentapete und Christbaumschmuck (Bühne: Moritz Müller). Zum frohen Fest sind bereits Geschenke gepackt. Ein Puppenwagen für die Kleine gesellt sich zum neuen Paar Ski für den anstehenden Winterurlaub. Und mittendrin steht Nora (Mirka Pigulla), die süße Ehefrau des Bankdirektors Torvald Helmer (Henning Hartmann). „Na, mein Kolibri?“, pflegt dieser das blonde Ding im adretten Kleidchen anzuzwitschern. Dann kullert der „Kolibri“ ganz niedlich mit den großen Augen und sagt, dass er doch eigentlich Torvalds „Häschen“ sei, das sich ganz doll freut, wenn es sich mal wieder was zum Anziehen kaufen darf: „Och, bitte, bitte, bitte!“ Auf dieser Ebene läuft der eheliche Dialog ab.

Zwischendurch kommt die alte Schulfreundin Kristina Linde (Susana Fernandes Genebra) zu Besuch, der Nora gleich mal ein Geheimnis anvertrauen muss: nämlich, dass sie einst die Unterschrift ihres Vaters gefälscht hat. Um einen Kredit zu bekommen. Ohne den Torvald damals, als er krank war, nicht seinen Genesungsaufenthalt in Italien hätte bezahlen können.

Mittlerweile haben sich die Zeiten ja geändert. Zum Glück und leider. Zum Glück: weil Torvald längst wieder gesund und sogar zum Bankdirektor befördert worden ist. Und leider: weil er in dieser Position ausgerechnet Krogstad (Mathias Max Herrmann) feuert, jenen Wucherer, der Nora damals das Geld geliehen hatte. Krogstad droht seiner Kundin von damals jetzt, ihrem angetrauten Herrn Bankdirektor die Wahrheit über die gefälschte Unterschrift zu verraten. Würde er sie dann wohl noch lieben, den Kolibri, das Häschen?

Wie Nora so trällert und zwischendrin bangt, wie Torvald väterlich grunzt und Kristina hysterisch miaut: Das alles ist so grell überzeichnet, so nah dran an der klischeehaften Ästhetik eines inszenierten Comicstrips, dass man meinen könnte, Herbert Fritsch statt Walburg habe sich hier wieder mal an Ibsen versucht. Doch wo bei diesem sich erst in der Karikatur der eigentliche Horror offenbart, bleibt bei jenem nur eine recht oberflächliche Unterhaltsamkeit: eine witzelnde Betrachtung über naive Ausdrucksformen einer Ehe – begleitet von der harmlosen Musik eines Bühnenpianisten (Burkhard Niggemeier).

Erst als es zur Katastrophe kommt und Torvald von der Verfehlung seiner Frau erfährt, vermag diese Inszenierung plötzlich doch noch so etwas wie eine substanzielle Kraft zu entwickeln. Dann wird aus dem liebevoll streichelnden und zwitschernden Ehegatten auf einmal ein unbeherrscht bellender Tyrann. Das ganze Geflöte und Getue entpuppt sich mit einem Mal als bloße Fassade, die fällt, sobald der Hausherr um seinen guten Ruf fürchten muss. Wo Liebe sich erweisen müsste, nämlich in den schweren Zeiten, da versteckt sich dieser Schönwettergatte hinter angeblichen Prinzipien und behaupteten Werten.

Dass schließlich doch noch alles gut wird, weil Krogstad seinen Erpressungsversuch abbricht und Torvald den fraglichen Schuldschein als einziges Beweisstück freiwillig in den Briefkasten wirft, kann da Nora nicht mehr trösten. Zwar fängt ihr Mann vor lauter Erleichterung plötzlich wieder zu zwitschern an statt zu bellen. Doch sie weiß dieses Tirilieren jetzt zu deuten: als Sprache eines Menschen, der nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Der nur solange liebevoll säuselt, wie sich seine Partnerin auf ihre Rolle als unterwürfiges Püppchen beschränkt. Für den Liebe nichts weiter ist als Machtausübung, als Vergewisserung seiner eigenen Position. „Es ist absurd“, murmelt Torvald vor sich hin: „Je hilfloser die Frau ist, die du liebst, desto größer kommst du dir als Mann vor!“

Wie Mirka Pigulla in ihrer Figur die Erkenntnis reifen lässt, dieser Form der Männlichkeitsvergrößerung nicht mehr dienen zu wollen, das ist durchaus eindrucksvoll – und lässt manche arg holzschnittartige Szene im ersten Teil des Abends vergessen. Ibsen lässt in seinem Text Nora die Aussicht auf ein „Wunder“ andeuten: dass aus dem Zusammenleben vielleicht doch noch irgendwann „eine Ehe“ werden könnte. In Walburgs Inszenierung dagegen zieht sie wortlos ab: Bei dieser Sorte Ehemann sind Wunder nicht zu erwarten.

Weitere Vorstellungen: am 27. April und 3. Mai um 19.30 Uhr sowie am 20. Mai um 17 Uhr im Schauspielhaus Hannover.

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