„Room Service – Zimmervermittlung“: Eine originelle Kunstschau widmet sich in Baden-Baden dem Hotel

Hände hoch, die Gäste kommen!

Werke wie dieses von Auguste Chabaud mit dem Titel „Hotelflur“ zeigt die Baden-Badener Ausstellung. ·
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Werke wie dieses von Auguste Chabaud mit dem Titel „Hotelflur“ zeigt die Baden-Badener Ausstellung. ·

Von Veit-Mario ThiedeBADEN-BADEN · Dem Hotel in der Kunst und Künstlern im Hotel ist in Baden-Baden eine ungewöhnliche Schau gewidmet: In der Staatlichen Kunsthalle sind Bilder und Objekte zu sehen, die von Künstlern aus aller Welt in den vergangenen 200 Jahren geschaffen wurden. An der Schau sind mehrere Hotels beteiligt: In ihren Hallen, Fluren und Zimmern werden Kunstwerke präsentiert, die teils eigens für das Projekt entwickelt worden sind.

Institutionalisierte Gastlichkeit gibt es seit der Antike. Doch das Hotel, wie wir es kennen, etablierte sich erst im 19. Jahrhundert. Elena Korowin schreibt in ihrem Katalogaufsatz: „Ein repräsentatives Ambiente und eine imposante Architektur wurden für das Hotel (und primär für den Typus des Grandhotels) bedeutender als die bloße Funktion des Übernachtens.“ Menschen im Hotel sowie der Künstlerblick auf‘s Hotel, ins Hotel und aus dem Hotelzimmerfenster hinaus sind die Leitmotive der Schau. Sie wartet zum Auftakt mit „Erstlingswerken“ der Hotelkunst auf. So wird Joseph Mallord William Turner die früheste Darstellung eines Hotelzimmers zugesprochen. Um 1840 aquarellierte Turner in Venedig sein Schlafzimmer im Palazzo Giustinian (Hotel Europa). Durch das links dargestellte Fenster fällt der Blick auf den Campanile. Auch die vermutlich erste Fotografie eines Hotels ist zu sehen. Das großformatige Fotonegativ fertigte William Henry Fox Talbot 1843 vom Pariser Hotel Canterbury an.

Die spannendsten Werke sind den Menschen im Hotel gewidmet. Max Beckmann präsentiert sich auf seiner Radierung „Selbst im Hotel“ (1922) als ebenso aufmerksamer wie nachdenklicher Beobachter. Geradezu unheimlich wirkt Auguste Chabauds Gemälde eines scheinbar menschenleeren „Hotelflurs“ (1907/08). Treppauf verschwindet eilig ein Mann, von dem nur noch ein beschuhter Fuß zu sehen ist. Richtig deftig geht es schließlich auf dem Gemälde „Die Straße“ (1915) von George Grosz zu. Ein Freier und eine Dirne stehen vor dem Stundenhotel. So etwas kann sich ein anderer Mann, der mit seinem Hund Gassi geht, offenbar nicht leisten. Über die Schulter blickt er mit weit aufgerissenem Auge einer Prostituierten nach.

Auffallend ist, dass die Werkauswahl die feine Gesellschaft ausblendet. Statt dessen wird unser Blick aufs Hotelpersonal gelenkt. Selbst unter dem gibt es zuweilen Hochstapelei. So hat sich die Künstlerin Sophie Calle als Zimmermädchen ausgegeben. In dieser Funktion arbeitete sie 1981 drei Wochen in einem venezianischen Hotel.

Dort schnüffelte sie in den Zimmern der abwesenden Gäste herum, machte Fotos und verfasste Beobachtungsprotokolle, die schön gerahmt ausgestellt sind. In der Nachbarschaft hängt Chaim Soutines so befremdliches wie anrührendes Gemälde „Die Köchin mit blauer Schürze“ (um 1930). Mit stumpfem, müdem Blick steht sie da und knetet ihre auf der Schürze liegenden Hände. Sollte ihr etwa der alte Spruch des gehobenen Gastgewerbes fremd sein, den der Künstler Naneci Yurdagül in Neonschrift über dem Ausgang der Kunsthalle anbringen ließ? Er lautet: „Hände hoch, die Gäste kommen.“

Yurdagül selbst beherzigt den Spruch, wie man auf dem Hotelparcours erleben kann. Der Rundgang führt in zumeist alteingesessene Häuser. Im 19. Jahrhundert stieg Baden-Baden nämlich zum mondänen Weltbad auf. Die feine Gesellschaft stieg in den Grandhotels der damaligen Sommerhauptstadt Europas ab. Im Europäischen Hof, zu dessen Gästen Kaiserin Elisabeth (“Sisi“) von Österreich, Franz Liszt und Max Beckmann gehörten, kann der Besucher nun Florian Slotawas schwarzweiße Fotoserie „Hotelarbeiten“ (1999) begutachten. Jedes Foto dokumentiert das Ergebnis einer märchenhaft anmutenden nächtlichen Aktivität. Slotawa schuf sich aus der Einrichtung des jeweiligen Hotelzimmers eine Art Wohnhöhle. Am nächsten Morgen aber stand alles wieder auf dem gewohnten Platz. Zimmer 130 hat Gastkurator Hans Ulrich Obrist für seine Ausstellung in der Ausstellung in Beschlag genommen. Reiner Ruthenbecks „Leckerli“, ein Objekt in Form eines schwarzen Quadrats, liegt statt der üblichen Tüte Gummibärchen auf dem Bett. Der Schrank ist vollgestopft mit Kleidungsstücken und Objekten, die Tracey Emin, Sarah Lucas, Franz Erhard Walther und weitere Künstler entworfen haben. Rosemarie Trockel hat eine Sammlung von Zeitungsartikeln über Selbstmorde im Hotel beigesteuert.

Eine weitere Station ist das mit historischen Möbeln eingerichtete Hotel Belle Epoque. In einem Dachzimmer kann man sich auf‘s Doppelbett werfen und Andy Warhols Videoarbeit „Chelsea Girls“ (1966) ansehen. In ihr treten bizarre Persönlichkeiten auf, die damals im Chelsea Hotel von New York wohnten. Im Flur des Belle Epoque sind kleinformatige Ölgemälde der Serie „Hotel Saxony“ (2006) aufgehängt, auf denen Jenny Brillhart den erloschenen Glanz und Pomp eines ehemaligen Luxushotels festgehalten hat.

„Room Service“: bis 22. Juni in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, Di.-So. 10-18 Uhr. Informationen: http://www.kunsthalle-baden-baden.de

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