Theodizee am Plattenteller: Das Performerkollektiv von „Norton Commander“ erkundet in der Bremer Schwankhalle „X Gebote“

Habemus Auslegeware

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Im Hörsaal mit „Norton Commander“. ·

Bremen - Von Tim SchomackerGlück muss man haben. Der weiße vatikanische Rauch zur Wochenmitte spielte dem Performance-Kollektiv „Norton Commander“ gehörig in die Karten.

Geht es im aus mehreren Angängen bestehenden Produktionszusammenhang „X Gebote“ – dessen Teil 2 in der Bremer Schwankhalle zu sehen ist – doch um kaum weniger als die Grundlagen des Christentums als solchem und im Spezielleren um deren, nun ja: Geistesgegenwart. Das Christentum, zumal katholischer Auslegung, hat, scheint’s, nicht nur medial Konjunktur. Im April zeigen Gintersdorfer/Klaßen im Theater Bremen eine Auseinandersetzung mit dem 2. Vatikanischen Konzil. Im Rahmen eines Schwankhallen-Spielzeitschwerpunkts zu Werte- und anderen Wandlungen sind Nortons „X Gebote“ zu Gast. Inmitten des Rätselratens um die liberale respektive konservative Konklave-Entscheidung pro Franziskus erinnert „X Gebote“ daran, dass wir es bei dieser Körperschaft mit dem weltweit größten Haus- und Grundbesitzer zu tun haben.

Auslegeware. Auch eine ökonomische Frage. Im von zwei virtuos bespielten Videoleinwänden gestützen Bühnenraum wird das Kirchenvermögen unterhaltsam am Geldspeicher Dagobert Ducks abgemessen. Wie Entenhausen während der 90 Minuten insgesamt zur Parallelfabel ausgerufen wird. Doch kann der durchaus virtuose performative Einsatz von Filmmaterial nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich erstens „Entenhausen“ strukturell nicht erschöpft in Dagoberts Geldfetisch und dass zweitens der zu Beginn projizierte Hörsaal zwar hübsch ausschaut – es schließlich aber doch ein mittelweiterführender Witz ist, neutestamentliches Personal von Maria Magdalena über Petrus bis Judas als gegenwärtige Wirtschafts- und Psychologieexpertenriege zu behaupten. Und sie den angekündigten Disput über die Existenz Gottes dann doch nicht führen zu lassen. Nun ja.

Deutlich griffiger dann die Grundeinrichtung des Bühnenraums, in dem fünf Performerinnen leibhaftig agieren. Auf tribünenartig geschichteten Podesten finden sich knapp fünfzig Schallplattenspieler. Auf fünfen in Reihe eins werden gleichzeitig fünf Aufnahmen der berühmten Bach-Toccata (BWV 565) gestartet. Kurze Zeit später werden alle Plattenteller mit weißen Tassen bestückt, die sich – ein wahrhaft schönes, zugleich einfaches Bild – gemächlich-gleichmäßig im Kreise drehen. Später wird der Raum zur Klanginstallation, als ein Sammelsurium präpapierter (auf Loop „geschalteter“) Platten parallel den großen Dankchoral aus Musikfetzen und verschiedenen Knacksgeräuschen anstimmt. Durch diesen klaren und allein akustisch vielgestaltigen Raum streifen die fünf Performer/innen – jede/r ein Mikrophon griffbereit im Halfter –, mal dozierend, mal exemplifizierend, dann wieder mit einer scheinbiographischen Geschichte wie der vom verschrobenen Mandolinenorchester der Großmutter.

Die erzählerische Isolation einzelner Stimmen aus der ansonsten chorisch oder konsekutiv argumentierenden Gruppe, die Präsentation von Zahlenmaterial (hier die Sozialstruktur der Elternschaft katholischer Gymnasien), der Verweis auf die Großform durch sich wiederholende Bewegungsmuster – all das gehört zum Inventar gegenwärtiger Lecture-Performances. „Mein Bewusstsein ist die zweckgerichtete Substanz, die eurem Leben Bedeutung verleiht“, kräht der machtlose Allmächtige aus dem Off. Substanziell und souverän ist „X Gebote“ vor allem in der Form. Und an der kann man sich schließlich erfreuen, wenn einen der Gottesbeweis nicht gerade als ungemein dringlich umtreibt.

„X Gebote Teil 2“ ist heute um 20.30 Uhr in der Schwankhalle, Buntentorsteinweg 112, in Bremen zu sehen.

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