Das Theater Bremen zeigt Frank Witzel

Gute Platte übrigens

Siegfried W. Maschek und der NSU. - Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Locker 800 Seiten: Ein Roman, in dem einerseits die Geschichte der guten alten Bundesrepublik Deutschland von ihrem Anfang bis zum Ende aufscheint, andererseits aber eher Geschichten als eine Geschichte zu finden ist. Pop-Exkursionen, historische Episoden, literarische Anverwandlungen und Genre-Experimente. Kaleidoskopisch aufgebrochen und virtuos bespielt Frank Witzel in seinem Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969“ ein faszinierend zerklüftetes Erzählgeflecht.

Im vorletzten Jahr erhielt er dafür den Deutschen Buchpreis. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand an eine Bühnenfassung wagte. Vor knapp einem Jahr war es Armin Petras an der Schaubühne Berlin, der sich daran versuchte. Anne Sophie Domenz hat es nun am Theater Bremen versucht. Und ist damit gescheitert.

Dabei ist die Spielsituation reizvoll: Das Publikum wird per Lastenaufzug in den Kulissenkeller des Theaters gefahren, wo die Stimme des Schauspielers Siegfried W. Maschek über die Buchstaben des Alphabets philosophiert. Und natürlich steht der Keller auch für den Untergrund, der in Witzels Werk seinen Platz ganz offensichtlich hat.

Alsbald fährt aus Kunstnebel ein NSU Prinz vor, in dem ein Maskierter sitzt, bei dem zunächst nicht klar ist, ob er auch der Sprecher ist – eine einleuchtende Setzung durchaus bei diesem Trumm von Roman, der sich auch aus der Vielfalt der Erzählpositionen speist. Wir vernehmen die Erzählung eines Überfalls samt Verfolgungsjagd. Wir vernehmen Details von Autoquartettkarten, später spielt unser Protagonist mit Spielfigürchen auf dem Armaturenbrett.

An der vielgestaltigen Oberfläche herumgeschürft

Eine kurze Geschichte der Zeit, die Protagonisten der RAF und noch so einiges mehr rattern in überwiegend hohem Tempo durch den Schauspieler Maschek, so dass der Versuch, dem einigermaßen zu folgen, den Kraftakt spüren lässt, diesen Text handhabbar zu machen.

Zwar gönnt der gut zweistündige Abend seinem kleinen Publikum (mehr als 30 Plätze pro Vorstellung gibt es nicht) zwischendurch auch ein paar Atempausen. Aber auch die können nicht verhindern, dass hier zwar mit Eifer, aber ohne die nötige Sorgfalt an der vielgestaltigen Oberfläche herumgeschürft wird.

Unklar bleibt deshalb auch, was hier das Erkenntnisinteresse wäre, und zumindest bei der Premiere am Dienstag wird das Unternehmen noch durch technische Ungereimtheiten erschwert, die das akustische Verständnis längerer Passagen verunmöglichen. Immerhin: Teil dieses Abends ist auch die Exegese des Beatles-Albums „Rubber Soul“, das Maschek auf einem transportablen Plattenspieler abspielt. Und da merkt man mal wieder, was für ein tolles Album das doch ist.

Und noch eine Erkenntnis gilt es zu vermelden: Es gibt tatsächlich Wasserpistolen, die um die Ecke schießen können.

Die nächsten Vorstellungen: Donnerstag, 26. Januar, 20 Uhr (ausverkauft), Mittwoch, 8. Februar, 20 Uhr, Freitag, 10. Februar, 20.30 Uhr, Freitag, 24. Februar, 20.30 Uhr, Kulissenkeller, Treffpunkt: noon, Theater Bremen

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