„Besuch der alten Dame“ als Investoren-Drama im Bremer Brauhauskeller

Güllen ist überall

Güllen erwartet den „Besuch der alten Dame“ mit Bangen: Gabriele Möller-Lukasz, Alexander Angeletta (M.) und Guido Gallmann. Foto: Jörg Landsberg

Bremen - Von Rolf Stein. Dass am Tag nach der Premiere das niederländische Königspaar in Bremen zu Gast war – es wird Zufall gewesen sein. Máxima ist schließlich alles andere als eine alte Dame. Allerdings: Wie die Herren Ill 1 und Ill 2 in Mathilde Lehmanns Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ im Brauhauskeller ihre darbende Stadt als Investoren-Paradies erscheinen lassen, erinnert doch daran, wie nicht nur in Bremen Fremden dann ein besonders flauschiger Teppich ausgerollt wird, wenn sie über viel Macht und Geld verfügen. Staatsoberhäupter zum Beispiel – oder Investoren.

Claire Zachanassian, die Dame aus Dürrenmatts Stück, ist zwar nicht unbedingt von altem Adel. Aber sie ist reich. So reich, dass ihr die Welt schon gehört, die man ihr in Güllen zu Füßen legen will. Wobei, deswegen überhaupt der Verweis auf den Besuch zweier Vertreter einer historisch überholten Herrschaftsform, Güllen in Lehmanns Fassung (Dramaturgie: Simone Sterr) erstaunlich an Bremen erinnert. Da reden die Ills, bei Dürrenmatt eine einzige Figur, von dem, womit die Stadt wuchern kann, wozu die Kultur ebenso gehöre wie entwickelbare Industriebrachen von Kellogg’s bis Kaffee Hag und altem Wasserturm.

Aber schließlich war Güllen schon bei Dürrenmatt eine nicht exakt zu verortende Sehnsuchtsstadt, irgendwo zwischen Bern und Neuenburg, aber da müssten wir erst einmal in den Atlas schauen, um es genauer einordnen zu können.

Es ging Dürrenmatt auf einer eher allgemeinen Ebene um die Korrumpierbarkeit des Menschen. Der Charme der konkreten Übertragung auf eine Stadt und ihre Haushaltsnotlage ist indes offensichtlich. Nicht nur spießt Lehmann genüsslich das heute allerorts gepflegte, Brechreiz erregende Standortwerbungsvokabular auf. Sie nimmt die Schuldfrage auch zum Anlass über Schulden nachzudenken, wobei die kleine ökonomische Abhandlung zum Thema schwungvoll beginnt – aber endet, bevor sie in analytische Tiefen vorstößt.

Apropos Ökonomie: Im Grunde ist dieser Abend ein Lehrstück der Ökonomie, nämlich auf formaler Ebene. Mit drei Schauspielern kommt Lehmann aus, wo Dürrenmatt eine Kleinstadt auffährt. Die sich an der Frage aufreibt, ob man, um die klamme Stadt retten, über Leichen gehen darf. Diesen Konflikt verlegt Lehmann in die beiden Ills, der eine die jugendliche Version, die einst die Clara Wäscher schwängerte und ihr Leben verpfuschte, der andere der verbitterte alte Mann, der der nun per Reichtum überlegenen Claire Zachanassian gegenübertritt.

Inwieweit individuelle Skrupel und gesellschaftliche Rechtsproduktion in eins zu setzen sind, bleibt zu fragen. Dass sie durchaus in einem Verhältnis zueinander stehen, ist zu vermuten. Fest steht, dass sowohl Güllen, das hier an der Weser liegt, als auch der Güllener an sich seinen Preis hat.

Zwar bleibt der Abend hier eher unscharf, schauspielerisch aber hat er einiges zu bieten, wobei Gabriele Müller-Lukasz zuallererst zu nennen ist. Im intimen Rahmen des Brauhauskellers kann sie ihren faszinierenden Racheengel facettenreich entfalten. Guido Gallmann als verbitterter Ill 2 versteht es, ihr Paroli zu bieten, während Alexander Angeletta als Ill 1 bei der Premiere nicht immer textfest ist.

Die eingestreuten Bremensien, ein paar launige Gesangseinlagen und die hinreißende Schäbigkeit des Bühnenbilds von Nanako Oizumi sorgen darüber hinaus für kurze Weil.

Weitere Termine:

Mittwoch, 13. März; Donnerstag, 15. März; Donnerstag, 25. April, jeweils 20 Uhr, Brauhauskeller am Theater Bremen.

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