Inszenierung für alle ab sechs Jahren am Theater Bremen

Mit „Monsta“ zeigt das Moks eine fröhlich-schillernde Anatomie des Grusels

„Monsta“ blickt am Theater Bremen humorvoll auf Ängste
+
„Monsta“ thematisiert am Theater Bremen nicht nur kindliche Ängste.

Dass nicht nur Kleine, sondern auch Große mitunter Angst haben, ist keine Überraschung. Wovor man sich so fürchten kann, beleuchtet die Inszenierung „Monsta“ am Moks des Theater Bremen.

Bremen – Es ist alles nicht mehr so einfach. Troll und Oliver einigen sich in Adam Stowers gleichnamigem Buch auf einen kuchenmampfenden Waffenstillstand. Dracula verzweifelt im „Hotel Transsilvanien“-Franchise augenrollend an der knuddeligen Sesamstraßigkeit der Fernsehgewohnheiten seines allzumenschlichen Enkels. An Kurt Krömers Carola beißt sich der übellaunige Untermbettgast die Monsterzähne aus. Selbst Hui Buh agiert im Film deutlich tollpatschiger als noch auf den Hörspielkassetten der Eltern seinerzeit. So ungefähr müssen sich die Engel gefühlt haben, als man ihnen erzählte, Gott sei tot. Und nun?

Das Bilderbuch „Monsta“ von Dita Zipfel und Mateo Dineen reiht sich in diesen Reigen ein. Und geht noch einen Schritt weiter. Weil es intelligent das Nachdenken über kindliche Ängste mit einer Anatomie des Grusels (und Gruselns) kurzschließt. Gerade diese Verbindung nutzt Regisseurin Nathalie Forstman für das Moks des Theaters Bremen für eine kurzweilig-schillernde Bühnenadaption (und -erweiterung). Unterhaltsam und schlau. Farbenprächtig für alle ab sechs. Und das meint in diesem Fall, tatsächlich, alle ab sechs.

Gruseliges im Kissenhaufen

In der Bühnenmitte (das Publikum sitz auf vier Etageren ringsherum) liegt ein großer Haufen verschiedenfarbiger und -förmiger Großkissen. Darüber hängen Unmengen sehr langer bunter Troddeln, als hätte man eine Containerladung „chinesischer“ Lampen mit der Kanone an die Theaterdecke geschossen. An zwei Seiten kleine Spielpositionen mit Posaune, Keyboard, bisschen Elektrik, Mikroständer. Das ist es. Mehr braucht’s auch nicht. Forstman verlässt sich sehr auf ihre beiden Akteure. Die stellen sich von unterm Kissenhaufen selbst vor. Erst mit einer Reihe Was-wäre-wenn-Fragen. Was, wenn ich während der Vorstellung aufs Klo muss? Was wenn ich mitmachen muss? Die beiden ziehen so das Publikum hinein ins Thema. Dann robben sie sich aus dem Haufen raus. Und machen die Angst- und Unangenehm-Liste einen Tick persönlicher.

Als Fabian sechs war, hatte er Angst vor Spargel. Als Anne 13 war, hatte sie Angst davor, dass niemand sie versteht. Solche Dinge. Geschickt, dass die beiden Sorgen und Ängste bis ins Erwachsenenalter erweitern. Und sie so zugleich im eigenen, je nach Situation und Persönlichkeit sich verändernden Kopf-Kino verorten. Denn (leibliche oder abstrakte) Monster sind ja nix anderes als Stellvertreter für Gefühle in bestimmten Lebensumständen. Wenn auch bisweilen mit gehöriger Wirkmächtigkeit.

Mitten im Gruselforschungslabor

Hier setzt die Geschichte des Jung-Monsters Harald ein, das sich selbst „Monsta“ nennt und das an der Bürde seines wirklich schrecklichen Vaters schier verzweifelt. Harald hat sich unter dem Bett eines Kindes eingemietet. Bevor Harald das Kind allerdings auftragsgemäß erschrecken kann, muss er erst einmal sich selbst das Fürchten lehren. Kann er noch nicht so gut. Geschickt schlüpfen Anne Sauvageot und Fabian Eyer in die und aus den Rollen. Bleiben präsent in einem spielfreudig-distanzierten Erzähl-Modus. Was prima funktioniert. Denn so – mal drin in der Figur, mal diese von draußen betrachtend – entwickelt sich vor unseren Augen ein selbstreferenzielles Gruselforschungslabor. Es ist nämlich alles nicht mehr so einfach. Gruselige Klänge muss man erst mal lernen. „Monsta“ hat es zudem mit einem aus seiner Sicht „kaputten Kind“ zu tun, wie Eyer es in einem Lied besingt.

Aus Monstersicht „kaputt“ bedeutet in der realen Welt „ziemlich selbstbewusst“. Denn am Ende ist es so was wie das Ideal einer guten Kindheit, an dem „Monstas“ Grusel-Generation verzweifelt. Da scheint im bisweilen entzückenden Klamauk der Gruselstudien (bunte Blockflötengänge, klappernde Türen, absurde Schreck-Gedichte – und eine sehr lustige Suche nach dem fehlenden Grusel-Gen) tatsächlich eine kleine Utopie auf. In einer besseren Welt nämlich braucht es nicht mehr so viele schaurige Fantasiegestalten. Weil viel weniger zu verarbeiten und die Kindheit mit sich stimmig ist. Und damit das Ganze nicht in Richtung übersouveräner Höher-Schneller-Weiter-Kinder kippt – nur abgeklärt und gelangweilt soll es ja auch nicht sein – gibt es zum Finale eine hinreißende Ode an das Unperfekte. In „Wir sind die Schlechten“ treffen sich das Kind und das Nachwuchs-Monster gewissermaßen auf Augenhöhe.

Von Tim Schomacker

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Neuheiten dürfen Sie nicht verpassen

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Neuheiten dürfen Sie nicht verpassen

Amazon Prime Video im Juli 2021: Diese Neuheiten dürfen Sie nicht verpassen

„Frei im Genießen!“

„Frei im Genießen!“
Neuheiten auf Disney+ im Juli 2021: Pure Highlights bei Filmen und Serien

Neuheiten auf Disney+ im Juli 2021: Pure Highlights bei Filmen und Serien

Neuheiten auf Disney+ im Juli 2021: Pure Highlights bei Filmen und Serien
„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert

„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert

„Die Pest“ von Albert Camus: Unerträglich unbekümmert

Kommentare