Ballett an der Staatsoper Hannover: Choreograf Mario Schröder wirft einen allzu freundlichen Blick auf Charlie Chaplin

Ein zu großer Fan

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Alle Mann nach rechts: An der Staatsoper Hannover choreografiert Mario Schröder das Leben Charlie Chaplins. ·

Hannover - Von Jörg Worat. „Alles, was ich tue, ist ein Tanz. Ich denke in Tanzbegriffen.“ So sprach einst Charlie Chaplin, und von daher ist es keineswegs abwegig, dem legendären Komiker ein Ballett zu widmen. Choreograf Mario Schröder hat das getan: Die Uraufführung lief 2010 in Leipzig, nun hat das hannoversche Staatsballett das Stück einstudiert und brachte es im Opernhaus zu einer heftigst umjubelten Premiere.

Alles beginnt mit einer virtuos komponierten Ensembleszene. Gruppen unterschiedlicher Stärke wuseln durcheinander, und im Outfit finden sich bereits einzelne der unentbehrlichen Accessoires: hier der Hut, dort der Stock.

Schließlich driftet das Geschehen in einen biografischen Bilderbogen, beginnend mit Chaplins Kindheit in Armut und dem Wahnsinn der Mutter, eindringlich verkörpert von Cássia Lopes. Es folgen die Auftritte mit der Karno-Truppe, und Timo Draheim holt sich kräftigen Szenenapplaus ab, als er wie ein Breakdancer auf dem Kopf Pirouetten dreht.

Ein Bruch folgt mit der Erfindung des „Tramps“, und zwar in doppeltem Sinne, denn die Figur spaltet sich an dieser Stelle auf: Denis Piza tanzt ab jetzt den privaten Charles, Catherine Franco den öffentlichen Charlie im hinlänglich bekannten Kostüm – eine echte Einheit werden diese beiden nie mehr bilden, sich sogar zuweilen in die Haare kriegen, wenn es etwa um Leidenschaften für die holde Weiblichkeit geht.

Hollywood naht, in einer Szene ist das Ensemble mit Masken von Johny Wayne bis zu Laurel und Hardy ausstaffiert, samt individuellen Bewegungscharakteristika: Der Boris-Karloff-Akteur stokelt jedenfalls über die Bühne wie weiland Frankensteins Monster. Dann wieder veranstalten die Tänzer mit Minikameras ein wahres Blitzlichtgewitter. Und es mangelt nicht an Verweisen auf die berühmten Filme: die Schraubenschlüssel aus „Moderne Zeiten“, der Boxkampf aus „Lichter der Großstadt“, die Barbier-Choreographie aus „Der große Diktator“. Dieser Film kommt dann noch einmal ganz prominent ins Spiel, als Pantelis Zikas den Tanz mit der Weltkugel zitiert – allerdings kickt er den entsprechenden Ballon nicht durch die Gegend, sondern sitzt erst mal darinnen.

Schließlich beginnt die „Hexenjagd“, als Chaplin kommunistischer Umtriebe bezichtigt wird: Die einstigen Verehrer prügeln und besudeln den Tramp. Lange bleibt er daraufhin zusammengekrümmt auf dem Boden liegen, und als er sich wieder aufrichtet, wirken seine Bewegungen wie Andeutungen von etwas Vergangenem – der Clown wird nun nicht mehr derselbe sein. Catherine Franco, die sich überhaupt Chaplins Bewegungsmuster akribisch angeeignet hat, macht das ganz großartig und sorgt damit für stille, aber hochemotionale Momente.

Gar zu viele davon hat dieser Abend nicht, dem etwas Kunstgewerbliches anhaftet. Er ist fraglos gekonnt konstruiert, vermeidet gar zu exzentrische Tanzformen und wirkt dennoch nicht antiquiert. Auch die üppige Musikauswahl (vom Band) zeugt von Geschmack, umfasst Wagner und Brahms ebenso wie Henze und Ives und nicht zuletzt Kompositionen von Chaplin selbst.

Doch wirkt das alles über weite Strecken eher illustrierend, und außerdem scheint Schröder zu sehr Fan zu sein, um hinter die Fassade zu schauen: Bei ihm ist Chaplin letztlich in allererster Linie der unschuldig verfolgte, liebenswerte Freigeist – und dabei bleibt auf der Strecke, ob etwa Marlon Brando nicht vielleicht doch seine Gründe dafür gehabt haben mag, ihn als „furchterregend grausamen Mann“ zu bezeichnen.

Kommende Vorstellungen: morgen sowie am 23. April und 3. Mai, jeweils um 19.30 Uhr in der Staatsoper Hannover.

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