Vom großen Nichts zur totalen Anarchie

Die Welt des Comics: Ziegelsteine für Verehrer

+
Auch für Insider hat „Going West“ noch einige Überraschungen im Gepäck.

Syke - Von Jörg Worat. Den Comicfreund heutzutage mit Basisdaten zu Starzeichnern zu versorgen, hieße Enten nach Entenhausen zu tragen. Wie eine aktuelle Publikation zu diesem Themenkreis auszusehen hat, zeigt „Going West!“ von Alexander Braun annähernd beispielhaft.

Der 432-Seiten-Klotz ist zwar begleitend zur gleichnamigen Wanderausstellung erschienen, die zurzeit im hannoverschen Wilhelm-Busch-Museum Station macht, wäre mit „Katalog“ jedoch unangemessen beschrieben. Das Buch hat vielmehr das Zeug zum Standardwerk über Comics im Western-Genre und dürfte auch Insidern die eine oder andere neue Erkenntnis bescheren.

Nicht zuletzt, weil Braun in größeren Zusammenhängen denkt. So unterfüttert er das Thema zum Auftakt historisch und nennt das Einstiegskapitel aus gutem Grund „Das große Nichts“. Denn von Romantik kann im Siedlerwesen des 19. Jahrhunderts kaum die Rede sein – viele, die den wohl vornehmlich aus politischen und ökonomischen Erwägungen verbreiteten Mythos vom „Goldenen Westen“ geglaubt hatten, sollten dies bitter bereuen. Und zwar aufgrund der körperlichen Strapazen, nicht wegen einer etwaigen Häufung von Indianerüberfällen, die in diesem Zusammenhang tatsächlich keine nennenswerte Rolle spielten.

Interessant, wie der Autor anschließend die Entwicklung der unterschiedlichen Massenmedien, den jeweiligen Stellenwert des Westerns und die Wechselwirkungen zwischen Groschenheft, Radio, Film und Comics beleuchtet. Die beiden letztgenannten Medien waren Mitte der 1890er-Jahre fast zeitgleich entstanden, jedoch hatten die Comics zunächst ein erheblich größeres Publikum.

Informative Kapiteln ergänzen Geschichten

Und zu den Bildgeschichten hat Braun dann ein ganzes Füllhorn von spannenden und informativen Kapiteln parat. Eines der schönsten handelt von Leben und Werk des hierzulande noch eher unbekannten James Guilford Swinnerton. Schon als Teenager hatte der 1875 geborene Zeichner seine ersten Jobs und heimste bald beträchtlichen Erfolg ein. Dann jedoch wurde bei ihm Tuberkulose diagnostiziert; die Ärzte gaben dem damals 28-Jährigen bestenfalls noch ein paar Monate. Dank tatkräftiger Unterstützung seines Förderers William Randolph Hearst zog Swinnerton wegen des trockenen Klimas nach Kalifornien und sollte den Rest seines Lebens im Westen verbringen – er starb schließlich zwei Monate vor seinem 99. Geburtstag.

Abgesehen von dieser wunderlichen Biographie ist Swinnerton auch in künstlerischer Hinsicht bemerkenswert. So wechselte er beständig zwischen Zeichnung und Malerei, hinterließ eine Reihe zauberhafter Impressionen von der Wüste in Arizona. Auffallend zudem, wie positiv Swinnerton in der Serie „Canyon Kiddies“ die ebenso neugierigen wie angstfreien Kinder der Hopi darstellte, wenn es sich auch dabei streng genommen mangels Sprechblasen nicht um einen Comic im eigentlichen Sinne handelte. Es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange her, dass Indianer in den Bildergeschichten fast durchweg für das Böse und Wilde gestanden hatten, selbst bei einem Zeichner wie Winsor McCay („Little Nemo in Slumberland“), kaum der Inbegriff des Rassisten schlechthin.

„Krazy Kat“ von George Herriman gilt weithin als der künstlerischste Comic aller Zeiten. Einer der surrealsten ist er allemal und wurde nach Herrimans Tod im Jahre 1944 nicht weitergeführt, weil niemand die eigentümliche Grundstory nachempfinden konnte oder wollte: In einer Wüstenlandschaft, die häufig von Bild zu Bild Metamorphosen unterliegt, verzehrt sich die Titelfigur, ein mit schauderhaftem Slang sprechendes Katzentier unbestimmten Geschlechts, in Liebe zu der bösartigen Maus Ignatz. Deren Angewohnheit, dem Verehrer Ziegelsteine an den Kopf zu pfeffern, wird von Krazy Kat als Erwiderung der Zuneigung ausgelegt. Ein Hundepolizist namens Offissa B. Pupp, der die ständig malträtierte Katze in einer Mischung aus Fürsorge und Paranoia zu beschützen versucht, komplettiert das kuriose Liebesdreieck.

Beinharte Realitätssplitter

Braun leitet seine Ausdeutungen interessanterweise von landschaftlichen Aspekten ab. Denn ausgerechnet in diesem Reich ausufernder Phantasie tauchen immer wieder beinharte Realitätssplitter auf – die bizarren Felsformationen des Wüstenfans Herriman sind oft unverkennbar echten Vorbildern nachempfunden. Auch das so comichaft klingende „Coconino County“ gibt es tatsächlich: Es liegt im Norden Arizonas.

Von der Frühzeit des Mediums in den USA zu den Nachkriegscomics in Europa: Schlüssig differenziert der Autor die unterschiedlichen Tendenzen, den gebrochenen Charakter des „Leutnant Blueberry“ von Autor Jean-Michel Charlier und Zeichner Jean Giraud (der sich unter dem Pseudonym Mœbius auch in ganz anderen Gefilden tummelte), die totale Anarchie in Benito Jacovittis „Cocco Bill“ unter Aufhebung der üblichen Vorstellungen von Logik, die intelligenten Parodien um den im Kern allerdings kreuzbraven „Lucky Luke“ – dessen Schöpfer Maurice de Bevere alias Morris übrigens einst meinte, dass ihn persönlich die meisten anderen Figuren seines Universums weit mehr interessieren würden als gerade der Titelheld.

Die Texte im schön aufgemachten Band sind durchweg sehr klar und streckenweise mit einiger Eleganz geschrieben. Die reichhaltigen Illustrationen umfassen nicht nur Comicbeispiele (deren Schrift zuweilen nur mühsam zu entziffern ist), sondern auch eine sinnfällige Auswahl an Fotografien. Der Band kostet 49 Euro, ist aber nicht im Buchhandel zu erwerben. Eine Möglichkeit ist der Ausstellungsbesuch bis zum 21. Februar in Hannover, eine andere die Kontaktaufnahme mit dem Shop des Wilhelm-Busch-Museums (E-Mail: mail@karikatur-museum.de). Man kann sich auch direkt an die Quelle in Gestalt der „German Academy of Comic Art“ wenden (mail@german-academy-of-comic-art.org).

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Coronavirus: China-Rückkehrer in Stuttgart gelandet

Coronavirus: China-Rückkehrer in Stuttgart gelandet

Neues Nienburger Kino offiziell eingeweiht

Neues Nienburger Kino offiziell eingeweiht

Wenn Kids Eltern die rote Umweltkarte zeigen

Wenn Kids Eltern die rote Umweltkarte zeigen

Das Autointerieur wird nachhaltiger

Das Autointerieur wird nachhaltiger

Meistgelesene Artikel

Hilfloses Traumwesen

Hilfloses Traumwesen

“Bayern 3“-Hörer empört über „Panikmache“ - Wetter-Expertin reagiert deutlich

“Bayern 3“-Hörer empört über „Panikmache“ - Wetter-Expertin reagiert deutlich

Gesellschaft für Aktuelle Kunst zeigt erste Einzelausstellung von Kristina Buch

Gesellschaft für Aktuelle Kunst zeigt erste Einzelausstellung von Kristina Buch

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Unverkennbar menschlich, wundersam verformt

Kommentare