„Die Macht der Rede“: Wilfried Stroh entdeckt mit seiner Rhetorikgeschichte in der Antike unsere Gegenwart

Wie man große Schandtaten schönredet

Kreiszeitung Syke

Von Johannes BruggaierSYKE (Eig. Ber.) · Rhetorische Belesenheit schützt nicht vor sprachlichem Schwulst. „Gerade Rhetoriker“, behauptet Wilfried Stroh, seien vom Virus der „wahrhaft papierenen Gespreiztheit“ befallen.

Und damit auch gleich jeder versteht, wem diese harsche Kritik gilt, fügt er ein Zitat des führenden Rhetorik-Experten Gert Ueding hinzu. Ganz schön dreist. Doch Stroh kann es sich leisten. Denn was das stilistische Niveau betrifft, zählt sein eigenes Buch über die Geschichte der Rhetorik in der Tat zu den erfreulichen Publikationen dieses Genres. „Die Macht der Rede“, lautet der Titel des bei Ullstein erschienenen Werks. Es ist erstens ein historischer Abriss der Redekunst im alten Griechenland und Rom; ein Rückblick in längst vergangene Zeiten also. Es ist aber zweitens auch ein Hintergrundbericht über unsere Gegenwart.

Stroh beginnt ganz klassisch bei der Genesis der Rhetorik: den Sophisten um Korax und Gorgias. Legendär bleibt, wie sich Erstgenannter einmal ein Honorar erstritt. Vor Antritt des Unterrichts hatte sein Schüler Teisias eine scheinbar attraktive Vertragsklausel eingefordert. Demnach sollte die Bezahlung fällig werden, wenn sich die rhetorischen Übungen in der Praxis bewähren. Was bedeutet: wenn der junge Anwalt seinen ersten Prozess gewinnt. Nun war der Preis für hochwertige Rhetorik-Seminare damals wie heute nicht von Pappe. Teisias hatte also gute Gründe, sich mit dem Prozessieren Zeit zu lassen. Da erhob der ungeduldige Lehrer Korax kurzerhand selbst Anklage – und entschied den Prozess mit einem einzigen Argument für sich. Gewinne er, Korax, sei ihm das Honorar gewiss. Verliere er aber, laufe der Prozess auf das gleiche Ergebnis hinaus: Schließlich habe in diesem Fall Teisias mit seinem ersten Sieg vor Gericht die Zahlungsbedingung erfüllt.

Wer so feinsinnig argumentiert, kann auch die größte Schandtat schönreden. Gorgias gelingt das Kunststück, die untreue Helena zu verteidigen. Doch weniger die Tatsache an sich ist bemerkenswert als die Art und Weise. Denn Gorgias begründet seine Sympathie für die Ehebrecherin mit eben jener Kraft, die ihn selbst leitet: die Macht der Rhetorik. Die Rede, sagt er, sei eine „große Herrscherin“, die mit kleinstem Körper die „göttlichsten Werke“ vollbringt. Wie sollte da die brave Helena den rhetorischen Finessen eines wollüstigen Paris widerstehen?

Rhetorikstars wie Gorgias waren die Politberater und Marketingexperten der Antike. Sie waren aber auch, und diese Definition ist ebenso überraschend wie einleuchtend, die Begründer der Psychotherapie. Der Sophist Antiphon soll am Marktplatz von Korinth sogar eine Arztpraxis eröffnet haben, mit der Verheißung, „er könne Trauernde durch Reden heilen“.

Selbst altbekannte Sachverhalte wie der Niedergang der Sophistik erscheinen bei Stroh in neuem Licht. So entpuppen sich die Streitschriften der Sophistik-Kritiker als Klassiker der Bildungsdebatte: Wenn heute in regelmäßigen Abständen konservative Pädagogen mit Bestsellern wie „Die deutsche Bildungskatastrophe“ oder „Lob der Disziplin“ den Zustand des Schulwesens beklagen, stehen sie ganz in der Tradition von Platon und seinen Kollegen.

„Gegen die Sophisten“ lautete damals ein publizistischer Knaller aus der Feder des Isokrates. Verheißungs-voll war auch der Titel eines anderen Bestsellers: „Gorgias“ nannte Platon seine Abrechnung mit dem größten Rhetoriker seiner Zeit. In ihr lässt er seinen Lehrer Sokrates die Rhetorik als billige Scheinkunst entlarven – oder als billige Scheinwissenschaft, was nach dem griechischen Begriff „techne“ aufs Gleiche hinausläuft. Die Macht der Rede, so Sokrates, täusche Rechtsprechung lediglich vor. Damit verhalte sie sich zur Gerechtigkeit wie die Kosmetik zur körperlichen Fitness und die Kochkunst zur Medizin.

Erst Aristoteles vermochte es, dieses vernichtende Urteil zu revidieren. Nicht die Rhetorik sei mächtig, sondern die Wahrheit, und erstere diene lediglich dazu, letzterer zu ihrem Recht zu verhelfen.

Die Geschichte des großen Rhetorikers Demosthenes, der als Kind wegen beständig zuckender Schulter und Sprachfehler gehänselt wurde: Stroh kann auch ihr neue Erkenntnisse abgewinnen. Vom Willen getrieben, ein stolzer Redner zu werden, brüllte Demosthenes gegen die Meeresbrandung an. Er lernte mit Kieselsteinen im Mund den „Hundebuchstaben“ R zu rollen, rezitierte einen Berg hinauf eilend lange Texte und gewöhnte seiner Schulter mit Hilfe eines von der Decke herabhängenden Schwertes das Zucken ab. Allein die Kenntnis dieses Trainingsplans ist von hoher historischer Bedeutung: Demosthenes ist der erste Mensch, dessen Jugendgeschichte uns heute noch bekannt ist.

Frappierende Bezüge zur Gegenwart offenbaren sich bei der Betrachtung römischer Rhetoriker. Die Ratschläge des Quintus an seinen Bruder Cicero könnten heute noch jedem aufstrebenden Politprofi zur Vorbereitung auf den Wahlkampf dienen. Kandidaten, so heißt es da, müssen sich grundsätzlich als Hoffnungsträger gerieren. So weit, so schlicht. Viel wichtiger ist die Hinzufügung: als „vager“ Hoffnungsträger. Man hüte sich davor, ein inhaltliches Programm aufzustellen, warnt Quintus. Konkrete Vorschläge mögen dem Kandidaten bei einer Minderheit zu Heldenstatus verhelfen, Mehrheiten hingegen gewinnt man durch Unschärfe.

Vollends im 21. Jahrhundert angekommen glaubt man sich bei Quintilians pädagogischem Konzept. Danach ist Redekunst zwingend mit Allgemeinbildung zu verbinden, was einen interdisziplinären Unterricht erfordert. Gewalt hat im Klassenzimmer nichts verloren, die Verantwortung für die Entwicklung des Kindes liegt bei der Mutter ebenso wie beim Vater, und überhaupt sei der Lernprozess am Anfang des Lebens ebenso bedeutend wie an dessen Ende.

Lebenslang lernen? Wilfried Strohs Leser kann das nicht schrecken: solange die Fortbildung so unterhaltsam ausfällt wie bei der Lektüre seiner Rhetorikgeschichte.

Wilfried Stroh: „Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom“, Ullstein Verlag: Berlin 2009; 607 Seiten; 22,95 Euro.

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