„Gier und Gefühl“:

Die große Leichtigkeit in unheimlichen Zeiten

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Andreas Stichmann ·

Bremen - Von Johannes Bruggaier. Die verbreitete Wahrnehmung, wonach sich einflussreiche Teile unserer Gesellschaft zuletzt mehr von der Gier haben leiten lassen als vom Gefühl, hat bei der Mottofindung der diesjährigen Literarischen Woche Bremen Pate gestanden.

„Gier und Gefühl“ lautet die Überschrift zu der Veranstaltungsreihe, die sich diesmal explizit mit „Geld in Literatur, Wissenschaft und Kunst“ befassen will (18. Januar bis 2. Februar). Das wirft freilich die Frage auf, worin hier überhaupt der Unterschied bestehe: Ist Gier etwa kein Gefühl? „Doch, doch“, räumt Mitorganisator Erwin Miedtke bei der gestrigen Pressekonferenz in der Bremer Stadtbibliothek ein: „Allerdings ein determiniertes.“

Es dürfte also mehr die freundliche, romantische Dimension des menschlichen Gefühls gemeint sein, wenn die insgesamt 17 Autoren aus dem deutschen, aber auch dem spanischen und französischen Sprachraum die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise reflektieren. Denn darum soll es gehen: um die mentalen Auswirkungen von Verteilungs- und Vertrauensfragen auf den einzelnen Bürger.

Eine mehr theoretische denn prosaische Antwort darauf wird zur Eröffnung am 18. Januar der Psychoanalytiker Tilmann Moser liefern. „Geld, Gier und Betrug“ heißt sein jüngst erschienenes Buch, aus dem er ab 19 Uhr im Wall-Saal der Stadtbibliothek lesen wird. Eine Woche später, am 30. Januar zu gleicher Uhrzeit, wird Christina von Braun die Krise aus kulturwissenschaftlicher Perspektive beleuchten. Ob Geld einer Deckung bedarf, und in welchem Gegenwert diese heute noch bestehen könnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Von Braun hingegen ist sich sicher: Der Deckung bedarf es. Und der Gegenwert findet sich im menschlichen Körper.

Natürlich kommt aber auch die Poesie zu ihrem Recht, erstmals am 25. Januar, wenn der österreichische Autor Peter Rosei unter dem knackigen Titel „Geld!“ von „zerstörerischen Wünschen“ und „himmelsstürmenden Hoffnungen“ erzählt. Dichterkollege Lars Brandt liest am 29. Januar aus seinem vierten Roman: „Alles Zirkus“ spiegelt die Wirtschaftskrise in der privaten Lebenswirklichkeit. Am 1. Februar schließlich (alle drei jeweils um 19 Uhr im Wall-Saal der Stadtbibliothek) lässt uns Kristof Magnusson an den Krisenschicksalen dreier Figuren teilhaben. „Das war ich nicht“ heißt sein Roman, der laut Ankündigung „mit großer Leichtigkeit von unheimlichen Zeiten“ erzählt.

Ignacio del Valle, ein Autor aus dem krisengeschüttelten Spanien, ist am 28. Januar (19 Uhr) im Instituto Cervantes zu Gast. In einer zweisprachigen Lesung stellt er sein Buch „Busca mi rostro“ vor. Das Institut français indes begrüßt einen Kapitalismuskritiker mit – familiär bedingt – kapitalistischen Wurzeln. Camille de Toledo ist Enkel des Gründers des Global Players „Danone“, mag sich aber mit dem multinationalen Lebensmittelhersteller nicht anfreunden. Im Institut français liest er um 19.30 Uhr aus seinem Buch „Die Besorgnis, auf der Welt zu sein“.

Schließlich sind auch Talente vor Ort zur großen Geld- und Krisendebatte eingeladen. So hat ein Quartett der Bremer Literaturszene in Vorbereitung der Literarischen Woche Obdachlose der Region besucht. Von den Begegnungen und den daraus entstandenen Texten berichten die vier Autoren am 2. Februar um 19 Uhr im Kulturzentrum Lagerhaus.

Das war es dann auch schon im Großen und Ganzen mit der Gier und dem Gefühl. Bleibt noch, den eigentlichen Höhepunkt der Veranstaltungsreihe zu erwähnen: die Verleihung des Bremer Literaturpreises. Der Geehrte wird in diesem Jahr nicht im Bremer Schauspielhaus auftreten, wie die Geschäftsführerin der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, Barbara Lison, erklärte. Grund dafür ist die umbaubedingt geschrumpfte Platzkapazität des Hauses. Wolf Haas, Träger des diesjährigen Hauptpreises wird am 27. Januar (18 Uhr) stattdessen im Kleinen Saal der Glocke auftreten, um aus dem von der Jury gewürdigten Buch „Verteidigung der Missionarsstellung“ zu lesen. Förderpreisträger Andreas Stichmann ist dann ebenfalls anwesend, er will Auszüge aus seinem Roman „Das große Leuchten“ vortragen. Tags darauf schließlich kommt es zur feierlichen Preisverleihung: Obere Rathaushalle, zwölf Uhr mittags.

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