Polasek / Grau suchen mit ihrem „Hiob“ das Allgemeine im historischen Einzelnen

Zu groß für ein Leben

Was ist das für ein Ding? Thomas Lichtenstein als Mendel Singer, Caroline Nagel als Deborah, Mendels Frau, und Agnes Kammerer als Tochter Mirjam stehen ratlos davor – wie vor Gottes unergründlichen Wegen.
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Was ist das für ein Ding? Thomas Lichtenstein als Mendel Singer, Caroline Nagel als Deborah, Mendels Frau, und Agnes Kammerer als Tochter Mirjam stehen ratlos davor – wie vor Gottes unergründlichen Wegen.

Oldenburg - Von Tim Schomacker. Zunächst ist dieses Ding in erster Linie einmal anwesend. Groß. Und anwesend. Dabei irgendwie unklar in Form, Gestalt, Funktion. Ohrmuschel, Horntrichter, maritimes Belüftungsrohr, später, von der anderen Seite betrachtet, vielleicht auch eitler Pfau aus Stahl, abstraktes Elefanten-Antlitz.

Doch zu Beginn ist dieses rätselhafte Objekt hinten in der Bühnenmitte reine Anwesenheit. Davor gruppiert sich (da hat sich das Publikum noch nicht einmal gesetzt) die Familie Mendel Singers zum Fototermin. Mit Frau und drei Kindern. Klick. Klick. Klick. Und dahinter dieses Ding. Es verlinkt diesen Singer mit etwas Anderem, Größerem. Mit etwas, das mindestens uns verborgen bleibt. Bald kommt ein viertes Kind hinzu, Menuchim. Der Junge hat Anfälle, lernt kaum sprechen, kaum laufen. Überlebt, wo es eigentlich nichts gibt zu überleben. Und wird Mendel Singers, des armen wie frommen Lehrers, größte Prüfung.

Als modernen Hiob stellt Joseph Roth seinen Singer ins Weltgeschehen. Aufgespannt zwischen Shtetl und Broadway, zwischen zaristischen Pogromen (die Roth nur zu gut kannte) und der deutschen Vernichtungsmaschinerie (von der Roth noch nichts wissen konnte, 1930, da dieser „Roman eines einfachen Mannes“ erschien), zwischen Frömmigkeit und Fortschritt. Fast ein wenig verwunderlich, dass dieser „Hiob“ seit einem Jahrzehnt so attraktiv ist für deutschsprachige Theaterbühnen.

Vor der Oldenburger Bearbeitung durch das Duo aus der Regisseurin Jana Milena Polasek und der Bühnenbildnerin Stefanie Grau gab es ein knappes Dutzend anderer Annäherungen. Verwunderlich weniger wegen Roth als wegen Mendel Singer. Denn an dessen – mit einiger erzählerischer Finesse durchbuchstabierte – innere Entwicklung kann man nur schwer andocken. An die Wendung weg von Gott, dann schlussendlich doch wieder hin. An den existenziellen religiösen Zweifel, der so allumfassend ist, dass es einem ganz schwarz wird vor Augen. Das ist schon sehr fremd. Viel fremder als viele Probleme, mit denen sich antike oder elisabethanische Bühnenfiguren so rumschlagen müssen. Und genau deshalb ist das eigenartige Bühnendings so wichtig. Wegen der Größe und der Fremdheit. Hier nix Realismus, sagt das.

Konsequenterweise lassen Polasek / Grau Roths Erzähltext über weite Strecken auch als Erzähltext bestehen.

Ein Quintett um Thomas Lichtensteins ebenso voluminösen wie leise-zweifelnden Mendel Singer hat zwar qua Kostüm und Rollenpartikeln bestimmte Figuren zugeordnet bekommen. Gesprochen wird oft aber über die Rolle hinweg. Und nicht aus der Figur heraus.

Russland ist weit, Amerika hoch

So gelingen immer wieder Bilder, die Roths grandiose, zwischen Interieur und Introspektion, Zeitpanorama und psychologischem Profil changierende Prosa transportieren. Etwa wenn Rajko Geith und Yassin Trabelsi schlicht am Bühnenrand sitzen und mit ruhigen Stimmen das Bild der beiden älteren Singer-Söhne als zweier schwarzer Striche im Schnee nachzeichnen und dann – mit gelegentlichen Gesten und Anspielungen garniert – die Zukunftsplanungen (hier Reiterarmee, dort Amerika) der beiden lostippen. Wenn Caroline Nagels „ihre“ Deborah gleichsam von deren eigenem beschwerlichen Mutter- und Ehefrauen-Leben sich in die dritte Person zurückziehen lässt: „Sie wartete auf gar nichts, aber ihr schien, dass sie auf etwas Besonderes warten müsste.“

Polasek / Grau verlassen diesen Modus des erzählenden Theaters ebenso wenig wie die Chronologie des Romans. Ein kränklicher Sohn, einer reiterbegeistert zur russischen Armee, der andere nach Amerika ausgewandert. Der kleine Kranke wird zurückgelassen, um auswandern zu können, nachdem Schemarjah (nunmehr Sam und Mister Singer in New York) sie nachholt. Die eheliche Liebe erkaltet, Söhne fallen im Krieg oder sind verschollen. Die Frau rauft sich das Haar und stirbt. Die Tochter, Mirjam, wird wahnsinnig und kommt in die Anstalt. Russland ist weit, Amerika hoch. Zu groß ist beides für ein Leben. Und doch nicht so groß wie Gott.

Kleinstprivates wie großes Weltgeschehen – alles wird von Mendel durch den Filter wahr- und auf sich genommen, der Gott heißt. Dass sie diesen Mendel uns sehr fremd belassen, daran tun Polasek / Grau gut. Ihr leiser und beharrlicher, sprachlich präziser „Hiob“ (der vielleicht noch einen Tick weniger Schauspiel verkraftet hätte) rät uns Zuschauenden nichts. Er legt nicht nahe, ihn auf die Gegenwart zu beziehen – und trotzdem kommt man nicht umhin, ebendas zu tun.

Weitere Vorstellungen: 29. April sowie 2., 17., 19., 24. und 27. Mai, Kleines Haus, Oldenburgisches Staatstheater.

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